Katharina von Bora by D. Albrecht Thoma
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27 [Illustration: Katharina von Bora
nach dem Gemaelde von Lucas Cranach im Museum zu Schwerin
Phot. F. u. O. Breckmann Nachf., Dresden.
Verlag Georg Reimer, Berlin.]
Katharina von Bora
Geschichtliches Lebensbild
von D. Albrecht Thoma
Berlin
Druck und Verlag Georg Reimer.
1900.
Vorwort.
In dem "Leben Luthers" bietet das Kapitel "Luthers Haeuslichkeit" als
freundliche Idylle ein liebliches Ausruhen von den dramatischen Kaempfen
und dem epischen Gange einer reformatorischen Wirksamkeit. Die Briefe an
eine "liebe Hausfrau" sind unter den Tausenden seiner Episteln die
schoensten und originellsten. Dafuer liegt der Grund doch nicht allein in
dem reichen Gemuet und dem geistvollen Humor des grossen Mannes, sondern
auch in der Persoenlichkeit seiner lebhaften, temperamentvollen Gattin.
Es muss doch eine bedeutende Frau gewesen sein, die der grosse Mann als
seine Lebensgefaehrtin zu sich emporhob und die sich getraute, die Gattin
des gewaltigen Reformators zu werden und der es gelungen ist, ihm zu
genuegen; und ein sympathischer Charakter musste das sein, an dem er seine
frohe Laune so schoen entfalten konnte. Sie hat ihrem Doktor das schoene
Heim geschaffen und das vorbildliche evangelische Pfarrhaus. Und so lebt
auch Luthers Kaethe als die Genossin von dem Liebling und Stolz unserer
Nation in der Seele des deutschen Volkes in gutem Gedenken.
Es kann nun auffallen, dass eine eigentliche Lebensgeschichte der Gattin
Luthers bisher noch gar nicht erschienen ist, dass fast mehr
schmaehsuechtige Feinde, wie vor hundertfuenfzig Jahren ein Engelhard, ihre
wenig lauteren Kuenste an dieser Aufgabe geuebt haben; und besonders ist
zu verwundern, dass in dem letzten halben Jahrhundert, diesem so
hervorragend historischen Zeitalter,--seit den beiden gleichzeitig
erschienenen quellenreichen Skizzen von _Beste_ und _Hofmann_--keine
Biographie entstand, nicht einmal fuer dieses Jubilaeumsjahr ihres
vierhundertjaehrigen Geburtstages.
Der Grund dieser eigentuemlichen Erscheinung liegt aber doch klar. Einmal
wird eben in "Luthers Leben" das Bild Katharinas von Bora stets mit
hineingemalt; sodann ist es schwierig, neben der gewaltigen Gestalt
ihres Gatten sie recht zur Geltung kommen zu lassen; endlich ist eine
muehsame Kleinarbeit erforderlich, um eine lebensvolle Zeichnung zu
entwerfen, und ueberraschende Entdeckungen sind bei aller Findigkeit hier
nicht zu machen.
Dennoch verdient Luthers Kaethe--so viel das geschehen kann--fuer sich
besonders betrachtet zu werden, wie ja ihr Bild so oft fuer sich neben
demjenigen des grossen Doktors gemalt ist. Ist Frau Kaethe freilich nichts
ohne den D. Martinus, so kann man doch auch fragen: Was waere Luther ohne
seine Kaethe? Dem Lebensbilde des grossen Reformators fehlte das
menschlich Anziehende, fehlten die vor allem uns Deutschen ausbrechenden
gemuetlichen Beziehungen des Familienlebens. Und das hat Frau Kaethe ihm
geschaffen. Ihr ist es zu verdanken, dass die Welt ihn so lange, und so
lange in geistiger Frische und freudigem Arbeitseifer gehabt hat.
So mag es ein Denkmal sein, und--wie es der schlichten deutschen
Hausfrau geziemt--ein anspruchsloses, was ihr hier zu ihrem
vierhundertjaehrigen Gedaechtnistage gesetzt ist.
Inhaltsverzeichnis.
1. Katharinas Herkunft und Familie.
Sachsen und Meissen
Bora
Lippendorf
Eltern und Brueder
"Muhme Lene" und Maria v. Bora
Armut der Familie
Der Eltern Tod
2. Im Kloster
"Ehrsame" Jungfrauen
Adelige Stifter
Klosterkinder
Nimbschen
Klosterfrauen
Klausur
Wuerden
Klostergenossinnen
Die Novize
Kloster-Regel
Erziehung
Die Postulantin
Einsegnung
Tagewerk
Reliquien
Ablass
Kloster-Erlebnisse
Nonnen-Beruf
3. Die Flucht aus dem Kloster
Luthers Schriften ueber Ablass, gute Werke, Klostergeluebde
Vermittelung der Schriften
Leonhard Koppe
Austrittsgedanken
Die Verwandten
Klagebrief an Luther
Bedenken
Flucht-Plan
Das Entkommen aus dem Kloster
Die Flucht
Offener Brief an Koppe, "dass Jungfrauen Kloster goettlich verlassen moegen"
Der Abt von Pforta
Neue Entweichungen
4. Eingewoehnung ins weltliche Leben
Versorgung der Klosterjungfrauen
Katharina bei Reichenbach
Hier. Baumgaertner
D. Glatz
5. Katharinas Heirat
Luther draengt zur Ehe
Verehelichung von Priestern und Klosterleuten
Luther denkt zu heiraten
Eine Nonne soll's sein
Luthers Werbung
Trauung und Hochzeit
Gaeste
Geschenke
Das Fest
6. Das erste Jahr von Katharinas Ehestand.
Im "Schwarzen Kloster"
Ausstattung
Angewoehnung
Unterhaltung
Bild
"Die erste Liebe"
Verstimmung der Freunde
Schmaehungen der Feinde
Gefahren
Stimmungen
7. Katharina als Mutter ihrer Kinder und Hausgenossen.
Johannes
Elisabeth
Magdalena
Martin, Paul
Margareta
Elternfreuden
Muhme Lene
Neffen und Nichten
Zuchtmeister
Gesinde, Gaeste
Besuche
8. Katharinas Haushalt und Wirtschaft.
Das Regiment in Luthers Haus
Haus und Hof
Bauereien
Geraete
Schenkungs-Urkunde
Teurer Markt
Landwirtschaft
Gaerten
"Haus Bruno", Gut Booss
Zulsdorf
Grundbesitz
Arbeitsseligkeit
9. "Wunderliche Rechnung zwischen D. Martin und Kaethe."
Armut
Einkuenfte
"Geschenke"
Umsonst
Hausrechnung. "Gieb Geld"
Luthers Mildthaetigkeit
Schulden
insidiatrix Ketha
"Raetlichkeit"
"Wunderlicher Segen"
"Lob des tugendsamen Weibes"
10. Haeusliche Leiden und Freuden.
Schwerer Haushalt
Krankheitsanfall Luthers (1527)
Die Pest
Hochzeit und Tod
Fluechtlinge und Hochzeiten
Visitationsreisen
Briefe von der Koburg
Die Grosseltern
Besuche und Reisen
Ein Kardinal in Wittenberg
Tischgesellen, Famulus, Kaethes Brueder
Kinderzucht
Rosine
Kaethes Tageloehner
11. Hochzeiten und Krankheiten, Pest und Tod.
"Muehmchen Lene" und Veit Dietrich
Lenchens Verlobung (1538)
"Des Teufels Fastnacht" (1535)
In den "hessischen Betten"
Luthers toedliche Krankheit in Schmalkalden (1537)
Muhme Lene [Symbol: gestorben]
Pflege der Elisabeth von Brandenburg
Wieder Pest (1539)
Kaethes toedliche Krankheit (1539)
Briefe aus Weimar (1540)
Allerlei Sorgen
Hanna Strauss verlobt und Muehmchen Lene verwitwet
Haus in Torgau, Lenchens Krankheit und Tod
Hansens Heimweh
12. Tischreden und Tischgenossen.
Eine akademische Hochzeit
Allerlei Feste
Besuche
_Cordatus_
_Stiefel_
_Kummer, Lauterbach_
_Schlaginhaufen, Weller_
_Hennik; Barnes; de Bai_
_Dietrich_
_Besold_
_Holstein; Schiefer; Matthesius_
_Goldschmidt u.a._
Kaethes "Tischburse"
Die "Tischgespraeche"
13. Hausfreunde.
Humanisten-Freundschaft
Der Freundeskreis des Lutherischen Hauses
Gruesse und Geschenke
_Amsdorf; Agrikola_
_Probst_
_Brisger, Biscampius, Zwilling; Mykonius; Capito_
Die Nuernberger: _Link_ und _Friedrich_; _Baumgaertner_
_Dietrich_; Geschwister _Weller_
_Hausmann_
_Schlaginhaufen_
_Lauterbach_
_Spalatin_
Hans von _Taubenheim_
Amtsgenossen
_Kreuziger_
_Bugenhagen_
_Jonas_
_Melanchthon_
Sabinus und Lemnius
Brief der Freunde an Kaethe
Die Tafelrunde
Freundinnen
14. Kaethe und Luther.
Die "Erzkoechin"
Luthers Enthaltsamkeit und Festfreude
Kaethe als Krankenpflegerin
Kaethes Humor
Verdaechtigungen Kaethes
Kaethes geistige Interessen
Was Luther von Kaethe hielt
"Ihr" und "Du"
"Herr" Kaethe
"Liebe" Kaethe
Luthers unguenstige Aeusserungen
Lob des Weibes
"Haeuslicher Zorn"
Lob des Ehestandes und Kaethes
Kaethes "Bildung"
Ebenbuertigkeit
Kaethes Bild
15. Luthers Tod.
Truebe Zeitlage
Hader im eigenen Lager
Die "garstigen" Juristen
Abscheiden der Freunde
Luthers zunehmende Krankheiten
Arbeit und Humor
Wegzugsgedanken
"Speckstudenten" und Kleidermoden
Abreise
Schrecken in Wittenberg
Reisen nach Eisleben
Briefe von Halle und Eisleben
Der letzte Brief
Die Todesnachricht
Zuruestung zur Bestattung
Trostbrief des Kurfuersten
Der Leichenzug
Katharinas Stimmung
16. Luthers Testament.
"Die Welt ist undankbar, die Leute sind grob"
Dr. Bruecks Zorn auf Katharina
Fuerstliche und freundschaftliche Fuersorge
Das saechsische Erbrecht
Katharinas Leibgeding
Die Erbschaft
Bruecks und Katharinas Plaene
Katharinas Bittschrift
Reden der vier Hausfreunde
Bruecks Gutachten
Die Entscheidungen des Kurfuersten
Kampf um Wachsdorf und die Kinder
Wolf, Gesinde und Tischburse
Fuersorge fuer Florian von Bora
Mahnungen an den Daenenkoenig
17. Krieg und Flucht.
Beginn des Schmalkaldischen Kriegs, zweierlei Gebete
Anmarsch auf Wittenberg, Flucht
Belagerung Wittenbergs. In Magdeburg
Brief von und an Christian III.
Schreckensgeruechte
Neue Flucht; in Braunschweig
Heimkehr
18. Der Witwenstand.
Wie's daheim aussah
Kriegsschaeden und Process
Kosttisch; Anlehen
Das Interim. Hans Luther nach Koenigsberg
Leiden und "gnaedige Hilfe"
Hans in Koenigsberg
Kriegslasten
"Dringende Not"
19. Katharinas Tod
Flucht vor der "Pestilenz"
Der Unfall
Anna von Warbeck
Das Leichenprogramm und die Bestattung
Nachkommen und Reliquien
Denkmaeler
Katharinas Gedaechtnis
Belege und Bemerkungen.
Register.
1. Kapitel
Katharinas Herkunft und Familie[1].
Zur Zeit der Reformation umfasste das Land Sachsen etwa das heutige
Koenigreich, den groessten Teil der Provinz Sachsen und die
thueringisch-saechsischen Staaten. Diese saechsischen Lande aber waren seit
dem Erbvertrag von 1485 zwischen den Ernestinern und Albertinern geteilt
in ein Kurfuerstentum und ein Herzogtum. Wunderlich genug war diese
Teilung, aber ganz nach damaligen Verhaeltnissen: zum Albertinischen
Herzogtum, auch "Meissen" genannt, gehoerte der groesste Teil vom heutigen
Koenigreich mit den Staedten Meissen, Dresden, Chemnitz; ferner ein
schmaler Streifen von Leipzig bis nach Langensalza. Dazwischen dehnte
sich das Kurfuerstentum mit den Hauptstaedten Wittenberg, Torgau, Weimar,
Gotha, Eisenach westwaerts, und Zwickau und Koburg nach Sueden. Die
Kursachsen sahen mit einigem Stolz auf ihre Nachbarn herab, welche bloss
herzoglich waren, gebrauchten auch wohl den alten Spottreim: "Die
Meissner sind Gleisner". Wenn's auch nicht wahr war, es reimte sich doch
gut[2].
Aus dem Herzogtum Meissen stammte nun Katharina von Bora, Luthers
Hausfrau[3], waehrend er selbft ein geborener Mansfelder, dann ein Buerger
der kursaechsischen Residenz Wittenberg und Beamter des Kurfuersten war.
Er beklagte sich wohl bei seiner Frau ueber ihren Landesherrn, Herzog
Georg den Baertigen, welcher, ein heftiger Gegner der Reformation, mit
Luther in steter Fehde lag, gehaessige Schriften gegen ihn losliess und
die Lutheraner im Lande "Meissen" verfolgte. Daneben neckte Luther seine
Kaethe auch, als sie in Leipzig bei seinen Lebzeiten die Maere von seinem
Tode verbreiteten: "Solches erdichten die Naseweisen, deine
Landsleute"[4].
Im Meissenschen nun hinter der Freiberger Mulde, eine Stunde ostwaerts von
dem "Schloss und Staedtchen" Nossen lagen die beiden Ortschaften Wendisch-
und Deutschenbora[5], eine Viertelstunde von einander zwischen
Tannengehoelzen, denn Tanne heisst auf slavisch "Bor"[6]. Hier hatte das
Geschlecht der Bora seinen Stammsitz. Von dort verpflanzte es sich in
verschiedenen Zweigen an viele Orte des Sachsenlandes; so auch in die
Naehe von Bitterfeld und Borna, je fuenf Stunden noerdlich und suedlich von
Leipzig. Sie fuehrten alle im Wappen einen steigenden roten Loewen mit
erhobener rechter Pranke in goldenem Feld und den Pfauenschweif als
Helmzier[7].
Aus welchem dieser neun oder zehn Zweige aber Frau Katharina, des
Reformators Ehegattin, stammte, ist nicht mehr gewiss auszumachen. Mehr
als sieben Orte, wie bei dem Vater der griechischen Dichtung, Homer,
streiten sich um die Ehre, ihre Geburtsstaette zu sein: das ist fast
jeder Ort, wo frueher oder spaeter Bora gewohnt und gewaltet haben. Aber
man kann eher noch beweisen, dass sie aus acht dieser Orte nicht stammt,
als dass sie am neunten Ort wirklich geboren sei[8].
Vielleicht ist Katharinas Geburtsort beim alten Stammsitz des
Geschlechts: zu Hirschfeld, einem sehr fruchtbaren Hofgut in der
doerferreichen Hochebene, wo man noerdlich nach dem nahen Deutsch-Bora und
dem etwas ferneren Wendisch-Bora schaut, gen Westen aber, in einer
Entfernung von einer Stunde, die burggekroente Bergnase von Nossen
erblickt.
Wahrscheinlicher aber wurde Kaethe zu _Lippendorf_ geboren. Westwaerts
naemlich von Borna an der Pleisse zieht sich als meissnisches Gebiet ein
weites Blachfeld, dessen Einfoermigkeit nur durch dunkle Gehoelze
unterbrochen wird. Nur ein paar hundert Schritte von dem Kirchdorf
Medewitzsch erhebt sich das Haeuflein Haeuser des kleinen Doerfchens
Lippendorf und etwas abseits gelegen ein groesseres Gut, mit einem Teiche
dahinter. Das war zwar kein rittermaessiger Hofsitz, aber doch ein
stattliches Lehngut, das heutzutage seinen Besitzer zu einem
wohlhabenden Bauern macht. Um 1482 sass dort ein Hans von Bora mit
seiner Gemahlin Katharina; um 1505 ist's ein Jan von Bora mit seiner
Gattin Margarete, einer geborenen von Ende. Wahrscheinlich ist Hans und
Jan nicht Vater und Sohn, sondern dieselbe Person und Margarete nur
seine zweite Ehefrau.
Hier waere nun Katharina an dem Ende des fuenfzehnten Jahrhunderts, 15-1/4
Jahre nach Martin Luther, auf die Welt gekommen. In diesem
bauernhofaehnlichen Anwesen waere sie--vielleicht unter einer
Stiefmutter--herangewachsen. An diesem Teich haette sie als Kind gespielt
und hinuebergeschaut nach dem nahen Rittersitz Kieritzsch mit seinem
Schlosspark und kleinen Kirchlein, und weiterhin ueber die Wiesen und
Gehoelze der Mark Nixdorf nach der "Wuestung Zollsdorf"--wo sie spaeter als
ehrsame Hausfrau und Doktorin vom fernen Wittenberg herkommend hausen
und wirtschaften sollte, wie sie's zu Lippendorf in Hof und Stall, Kueche
und Keller von der fleissigen Mutter gelernt.[9]
Aber sicher ist diese Annahme nicht. Es kann auch ein anderer Ort
Katharinas Geburtsstaette sein.
Ja, sicher weiss man nicht einmal den Namen von Vater und Mutter. Hans
konnte der Vater wohl geheissen haben, so hiess damals jeder dritte Mann,
auch im Bora'schen Geschlecht. Und nach einer andern, nicht
unglaubwuerdigen Nachricht waere die Mutter eine geborene von Haubitz
gewesen und haette nach der Tradition den ebenfalls zu jener Zeit sehr
beliebten Namen Anna getragen. Dann waere freilich Lippendorf nicht
Kaethes Heimat gewesen. Unzweifelhaft gewiss ist nur ihr Geburtstag, der
29. Januar 1499; denn dieser Tag ist auf einer Schaumuenze eingegraben,
die heute noch vorhanden ist[10].
Auch ihre naechsten Verwandten sind bekannt.
Katharina hatte wenigstens noch drei Brueder. Der eine, dessen Name nicht
genannt ist, verheiratete sich mit einer gewissen Christina und starb
ziemlich fruehzeitig, vielleicht schon um 1540. Denn sein Sohn Florian,
der etwa gleichaltrig mit Luthers Aeltestem d.h. damals vierzehn Jahre
alt war, wurde um diese Zeit ins Haus genommen und wollte 1546 die
Rechte studieren; damals war "Christina von Bora Witfraw"[11].
Der andere Bruder Katharinas ist _Hans_ von Bora. Er war 1531 in
Diensten des Herzogs Albrecht von Preussen, kehrte aber etwa 1534 von
dort zurueck, um fuer sich und seine Brueder das Guetlein Zulsdorf als
"Erbdaechlein" zu uebernehmen. Er bekam in seinen Mannesjahren von seinem
Schwager Luther und von Justus Jonas das Lob eines "aufrichtigen, feinen
und treuen Menschen". "Treu und brav ist er, das weiss ich, dazu auch
geschickt und fleissig", bezeugt ihm Luther[12].
Weniger Loebliches ist von dem dritten Bruder _Klemens_ bekannt. Er kam
mit Bruder Hans nach Koenigsberg, geriet aber nach dessen Rueckkehr in die
Gesellschaft eines adligen Raufboldes, der in seiner Gegenwart einen
Zimmergesellen im Rausch erstach, was ihm selbst uebeln Ruf zuzog und ihn
in Ungnaden bei dem Herzog brachte[13].
Ausser den Bruedern Katharinas ist auch eine Muhme (Base) Lene bekannt,
welche spaeter in Luthers Haus lebte. Es wird dies niemand anders sein
als die Magdalena von Bora, des Vaters Schwester[14], welche freilich
zur Zeit von Katharinas Geburt schon lange im Kloster Nimbschen lebte.
Wenn es wahr ist, dass um 1525 eine Maria von Bora auf Zulsdorf sich nach
Wittenberg verheiratete[15], so muessen auf diesem Vorwerk in den
zwanziger Jahren noch nahe Verwandte gelebt haben. Reich konnten diese
aber nicht sein, denn das ganze Gut war nur 600 fl. wert und naehrte
seinen Mann nicht, wie spaeter Bruder Hans selbst erfuhr. Ein weiterer
Verwandter Katharinas war Paul von Rachwitz, welcher zu Bitterfeld
wohnte in dessen Naehe auch in Zweig der Bora hauste[16].
Die Familie Katharinas muss recht arm gewesen sein: es heisst sogar: sie
war in die aeusserste Bedraengnis geraten. Florian, der Sohn des aeltesten
Bruders, war jedenfalls nach seines Vaters Tod, obwohl dieser
wahrscheinlich das Erbgut besass, doch auf Stipendien angewiesen fuer
seine Studien. Bruder Hans war am preussischen Hof so aermlich gestellt,
dass Luther fuer ihn dem Herzog Albrecht "beschwerlich sein" und schreiben
musste: "Nachdem meiner Kaethen Bruder Hans von Bora nichts hat und am
Hofe Kleid und Futter genug nicht hat, wollten E.F.Gn. verschaffen, dass
ihm jedes Vierteljahr ein paar Gulden wuerden zugeworfen, damit er auch
Hemd und andere Notdurft bezahlen moechte.[17]"
Katharina selbst endlich hat, wie es scheint, nicht einmal ein
Leibgeding mit ins Kloster bekommen, wie es andere, wohlhabendere adlige
Fraeulein mit durchschnittlich 3 Schock[18] jaehrlich erhielten; und auf
ihre Einsegnung konnte sie nur 30 Groschen spenden, waehrend neue Nonnen
wohl 100 oder wenigstens 40 Groschen opferten. Bei ihrer Heirat konnte
sie keine Mitgift in die Ehe bringen[19].
So ist also Katharina von Bora--wo es auch sei--in gar engen
Verhaeltnissen aufgewachsen, und wenn man sich das junge Maedchen etwa als
zartes Ritterfraeulein am Burgfenster mit dem Stickrahmen oder als
Jaegerin auf stolzem Zelter vorstellen wollte, so gaebe das ein gar
falsches Bild. Wir haben sie uns vielmehr zu denken wie eine junge
Bauerntochter auf dem Hofgut schaltend und waltend, der Mutter an die
Hand gehend in der Wirtschaft, zugleich als die Aelteste, vielleicht als
einziges Toechterlein, auch eine gewisse Selbstaendigkeit und
Herrschergabe entfaltend, wie sie sich spaeter in der reifen Frau
entwickelt zeigt.
Freilich ein wirkliches anschauliches Bild ihrer Kindheit zu entwerfen
vermoegen wir nicht, dazu fehlen alle Anhaltspunkte, alle Formen und
Farben. Wir moegen dies bestimmte Bild aus der ersten Jugendzeit, in die
wir uns bei einem Menschenleben so gerne versenken, bei Katharina
schmerzlich vermissen, da sich die ganze Umgebung, der Hintergrund der
Landschaft und selbst die notwendige Staffage von Vater und Mutter und
alles, was auf ein junges Menschenkind einwirkt, bis auf die Namen
verwischen und verschwinden, waehrend zum Beispiel bei ihrem Gatten, dem
Doktor Luther, Elternhaus, Vater, Mutter, Geschwister, Gespielen, Heimat
und Schule so deutlich und plastisch sich herausheben, dass sie ein gar
lebendiges und farbenreiches Gemaelde geben. Aber man kann sich doch auch
wieder ueber diesen Mangel leicht troesten.
Denn wie es scheint, sind die Eltern beide frueh gestorben. Sobald
Katharina ins Licht der Geschichte tritt mit ihrer Heirat, ja schon bei
ihrer Entweichung aus dem Kloster, ist jede Spur von ihnen verschwunden:
die Eltern erscheinen nicht bei ihrer Hochzeit, wie die Eltern von
Luther; sie werden um ihre Einwilligung nicht gefragt, worauf doch
Luther sonst so grosses Gewicht legt; ja sie kommen schon nicht in
Betracht bei der Flucht aus dem Kloster, als es sich um eine Unterkunft
handelt; und auch waehrend der ganzen Klosterzeit kommt Vater und Mutter
nicht zum Vorschein, wie es doch oftmals bei Klosterjungfrauen der Fall
ist. Vielleicht ist gerade der Eltern frueher Tod fuer Katharina die
Veranlassung gewesen, so bald ins Kloster einzutreten.
Wie dem aber auch sei, die geistige Entwicklung des jungen Fraeuleins
faellt nicht in das Elternhaus. Denn sehr frueh kam Katharina von daheim
fort und ihre bewusste Jugendzeit verbrachte sie fern von der Heimat im
Jungfrauen-Stift.
So faellt Katharinas Eintritt, obwohl sie 15 Jahre juenger war, etwa in
dieselbe Zeit, als der Erfurter Magister Martin Luther die Studien
verliess und in das Kloster der Augustiner ging.
2. Kapitel
Im Kloster.
Wenn heutzutage ein armes Maedchen aus besseren Staenden versorgt werden
soll, das nicht auf grosse Mitgift und darum auf Verheiratung rechnen und
somit dem natuerlichen weiblichen Beruf, dem Familienleben,
voraussichtlich entsagen muss, so kommt es in eine Anstalt und bildet
sich zur Lehrerin oder dergleichen aus. Im Mittelalter kam so ein armes
Fraeulein, dessen Ausstattung die schmalen Erbgueter der Stammhalter und
Schwestern noch mehr geschmaelert haette, zur Versorgung ins Kloster. Die
alten Kloester (der Benediktiner, Cisterzienser, Bernhardiner) wurden so
Versorgungsanstalten[20]. Es waren adelige Stifter, fromme Anstalten der
Vorfahren, worin "ehrsame" (d.h. adelige) Jungfrauen Gott dienen und fuer
die Seelen der Lebenden und Verstorbenen beten sollten[21]. Statt des
jetzigen "geistigen" Berufs zum Wirken in der Welt fuer lebendige
Menschen diente damals der "geistliche" Beruf zur Verehrung Gottes und
der Heiligen, zum ewigen Seelenheil der Lebenden, namentlich aber der
toten Anverwandten im Fegefeuer. Statt der heutigen freien und doch
nicht immer freiwilligen Entschliessung zu einem selbstgewaehlten Beruf,
der freilich immer nur bedingungsweise und auf Zeit ergriffen wird, galt
es damals die "ewige" unwiderrufliche "Vergeluebdung" auf Lebenszeit;
statt der "Emanzipation", welche einer ausser dem Familienleben stehenden
Jungfrau heute mehr oder weniger wartet, harrte ihrer damals die
"Klausur", die Einschliessung in die Klostermauern in einem streng
geschlossenen Verband, dem "Orden", unter dem straffen Bande der
"Regel", der Klostersatzungen.
Nach Begabung und Neigung zu diesem geistlichen Beruf wurde da wenig
gefragt, und es konnte auch keine Ruecksicht darauf genommen werden[22].
Dazu war in diesen Zeiten die elterliche Autoritaet, namentlich ueber
Toechter, viel zu gross, und der Familiensinn in solchen adeligen Haeusern
war ein zu stark ausgepraegter, als dass sich ein Glied in individueller
Neigung gegen das Herkommen und die Familiensitte wie gegen die
Forderungen der Existenzbedingungen seines Geschlechts aufgelehnt haette.
Nach den kirchlichen Bestimmungen galt der Grundsatz: "Einen Moench macht
entweder die elterliche Vergeluebdung oder die eigene Einwilligung"[23],
also in erster Linie die Bestimmung der Eltern! Diese hielten es eben
fuer eine standesgemaesse Versorgung und zugleich fuer einen "guten seligen
Stand", wie eine Nonne aus dieser Zeit erklaert[24].
Zudem wurden die Toechter in einem Alter in das Stift gethan, wo von
einer Willensentscheidung gar keine Rede sein konnte[25]. Die Maedchen
waren noch Kinder. Der Eintritt konnte schon im sechsten Lebensjahr
geschehen; viele kamen auch spaeter hinein, wenn sich die
Familienverhaeltnisse durch Wachstum der Kinderzahl, Tod der Mutter und
dergleichen anders gestalteten. Aber auch in noch frueherem Alter wurden
"Kostkinder" aufgenommen, welche dann auch oft Klosterjungfrauen wurden.
"Es ist eine hohe Not und Tyrannei, dass man leider die Kinder,
sonderlich das schwache Weibervolk und junge Maedchen in die Kloester
stoesset, reizet und gehen laesst"--so aeussert sich Luther gerade ueber das
Kloster, worin sich Katharina von Bora befand, und ruft entruestet aus:
"O die unbarmherzigen Eltern und Freunde (Verwandten), die mit den
Ihren so schrecklich und greulich verfahren!"[26]
Nicht anders erging es auch der Tochter aus dem verarmten Hause Bora.
Katharina ward ins Kloster geschickt--gefragt wurde das Kind natuerlich
nicht; es geschah "ohne ihren Willen", wie denn Luther im allgemeinen
von ihr und ihren Mitschwestern von Verstossung ins Kloster redet und von
Zwang. Er fragt bei dieser Gelegenheit seine Zeitgenossen: "Wie viel
meinst du, dass Nonnen in Kloestern sind, die froehlich und mit Lust
ungezwungen ihren Gottesdienst thun und Orden tragen? Unter tausend kaum
eine. Was ist's, dass du solches Kind laesst also sein Leben und alle seine
Werke verlieren?"[27]
Katharina kam vielleicht schon mit dem 6. Lebensjahr ins Kloster; denn
in ihrem sechsten Lebensjahr verschreibt Jan von Bora auf Lippendorf
alle seine Gueter allda seiner--vielleicht in diesem Jahr geheirateten
zweiten--Ehefrau. Jedenfalls war Katharina im zehnten Lebensjahr (1509)
schon Klosterjungfrau; und zwar nicht mehr die juengste, sondern die
zweitjuengste von den Aufgenommenen und blieb noch lange Jahre (bis 1516)
die vorletzte in der Reihe der Schwestern[28].
Kloester gab es damals genug im Land: es wurden allein im Meissnischen
gegen 30 Nonnenkloester gezaehlt[29]. In welches Kloster Katharina
eintreten sollte, das stand von vornherein fest: es musste das adelige
Cisterzienserinnen-Kloster "Marienthron" oder "Gottesthron" _Nimbschen_
bei Borna im Kurfuerstentum Sachsen sein[30]. Denn hier war eine Muhme
von Vaterseite, vielleicht Vatersschwester Magdalene von Bora schon
lange Zeit Klosterjungfrau und bekleidete von 1502-8 das Amt einer
Siechenmeisterin, d.h. Krankenwaerterin der Nonnen. Ausserdem waren,
scheint es, noch zwei Verwandte aus der muetterlichen Familie der Haubitz
da: eine aeltere Margarete und eine juengere Anna.
Das Kloster Nimbschen hat eine huebsche Lage. Eine Stunde unterhalb,
nachdem die beiden Mulden, die Zwickauer von Sueden und die Freiberger
von Osten her zusammengeflossen sind zu der grossen Mulde, erweitert sich
das enge Flussthal zu einer viertelstundebreiten ebenen Aue, welche die
Form eines laenglichen Blattes hat und eine halbe Stunde lang ist. Am
Ostufer zieht sich eine schroffe Felswand aus Porphyr hin, an welche
das Muldebett sich anschmiegt; im Westen begrenzt eine niedrige, sanfter
ansteigende, waldbewachsene Huegelkette den Werder. Ueber der noerdlichen
Blattspitze, die scharf durch die zusammenrueckenden Felswaende
abschliesst, erhob sich eine Burg und jenseits der Thalsperre, ungesehen
von der Aue aus, liegt die Stadt Grimma; an dem obern Ende der Aue,
unmittelbar am Fusse des westlichen Waldhuegels, stand das Kloster. Es war
also abgelegen von der Welt, abgeschlossen durch die beiden Huegelreihen,
nur mit dem Blick auf die stille ruhige Aue. Drueben floss die Mulde
ungesehen tief in ihren Ufern, ueberragt von der Felswand, hueben erhob
sich der huegelige Klosterwald. Nordwaerts davon schimmerte ein ziemlich
grosser Teich, welcher die leckere Fastenspeise barg.
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