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Drei Gaugoettinnen by E. L. Rochholz



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Drei Gaugoettinnen

Walburg, Verena und Gertrud als deutsche Kirchenheilige.

Sittenbilder aus dem germanischen Frauenleben

von

E.L. Rochholz.

1870

* * * * *




Vorwort.


Den ersten fruehzeitigen Anlass, in den drei heiligen Frauen, deren Namen
die nachfolgende Schrift am Titel traegt, drei naechstverwandte Wesen aus
der deutschen Goetterlehre zu erblicken, hat der Verfasser in den
Perioden seines akademischen Juenglingsalters und waehrend der ersten
Jahre seines Berufslebens empfangen, als er noch auf Jagdgaengen,
Ferienreisen und Abteibesuchen der Erkundung oertlicher Alterthuemer
nachzog und in andauerndem Verkehre mit der Natur und der Bevoelkerung
den damals herrschend gewesnen Glauben theilte, das Volksgedaechtniss sei
ein Archiv, welches dem Forscher den Mangel an Urkunden ergaenzen helfe.
Waehrend sich ihm letzteres bald als eine gemuethliche Taeuschung erweisen
musste, war ihm darueber doch das Glueck beschert, reichliche, nachhaltige
Anschauungen in sich anzusammeln, deren freundlich fesselnde Gewalt
einen einmal in uns erwachten Plan auch unter unerwartet eintretenden
Lebensaenderungen nicht mehr veralten laesst. Und so erklaert sich der
Ursprung unseres Buches als eine frueh erworbene, in langer Zeitdauer
gereifte und hier erst spaet zur Mittheilung gebrachte Lebensanschauung
der Art, von welcher bei Goethe (Bd. 44, 193) das runde Wort steht: "Was
man nicht gesehen hat, gehoert uns nicht und geht uns eigentlich nichts
an." Als uns vor nun bald vierzig Jahren in den heimatlichen Thaelern der
Altmuehl und des Mains der hier sesshafte Cultus der hl. Walburgis und
Gertrud begegnete und nicht lange hernach in den schweizerischen der
Aare und des Oberrheins uns ebenso derjenige der hl. Verena naeher bekannt
wurde, zeigten schon die bestimmt abgegrenzten Landschaftsmarken,
innerhalb deren der Cult jeder dieser drei Heiligen seit aeltester Zeit
bis auf die Gegenwart herrschend geblieben ist, dass diese Drei hier
nicht etwa die Patrone oder Lieblingsheiligen ihres Bisthums, sondern
die Schutzheiligen ihres politischen Gaues in einer Periode gewesen
waren, als dessen politische Grenzen noch keineswegs mit denen des
Kirchensprengels zusammenfielen. Waren die Heiligen aber dieses und also
zeitgenoessisch gewesen mit der aeltesten Gaueintheilung dieser
Landstriche selbst, so war hier ihr Bestand ueberhaupt ein aelterer, als
der durch die Kirche veranlasste je hatte sein koennen. Und also fuehrte
uns die _Gauheilige_ in rueckschreitender Metamorphose auf die
_Gaugoettin_. Gegen diese Folgerung, die selbst von der kirchlich
approbirten Gestalt der Legende mit historischen Angaben unterstuetzt
wird, laesst sich mit ferner versuchten Einwaenden nicht weiter mehr
aufkommen. Auch fuehrt ja die Gaugoettin ihre bei uns verblasste
Herrschaft ueber Christenmenschen anderwaerts immer noch ungeschwaecht und
persoenlich fort, so z.B. in der Normandie, wo nach dem Zeugnisse von
Amelie Bosquet die Aufsicht ueber das Land den Feen gehoert, jede einen
einzelnen Kanton, hier jeden einzelnen Einwohner beaufsichtigt und
dessen Loos bei der allabendlichen Versammlung in dem gemeinsamen
Schicksalsbuche je mit einem weissen oder schwarzen Punkte bezeichnet.

Jede Gottheit war, ein vom Heidenglauben verwirklicht gedachtes
Idealbild menschlicher Thaetigkeitgewesen. Wie der Mensch, so sein Gott.
Die dem Germanen eigenthuemliche Auffassung des Eherechtes, welche ihn
vor allen Kulturvoelkern des Alterthums auszeichnet, der von ihm dem
Weibe beigelegte ahnungsreiche; auf das Heilige gerichtete Sinn (Tac.
Germ. c. 8) hatte bei ihm solcherlei weibliche Gottheiten bedingt,
welche Waechterinnen der zuechtigen Geschlechterliebe, der haeuslichen
Ordnung, des Fleisses und Friedens waren. Eine naechste Folge hievon war
es, dass die Frau in ihrem Hause das Amt der Herrin (dies besagt das
Wort frowa, frauja), in ihrem Stamme dasjenige der Itis oder weisen Frau
bekleiden und als solche die Geschaefte der Tempeljungfrau, Priesterin,
Heilraethin oder Aerztin verwalten konnte. Auf diesem Bildungswege einer
langen Selbsterziehung wurde die Nation erst politisch gehemmt durch
furchtbare Eroberungskriege, die sie erlitt und vergalt, dann geistig
ueberrascht durch das in barbarischer Form ueberlieferte roemische
Kirchenthum. Durch den ersten Vorgang wurden die Germanengoettinnen
kriegerisch umgewandelt, militarisirt, durch den zweiten aber vollends
satanisirt, zwei Umgestaltungen des Glaubens und Mythus, von denen unser
Buch in allen Abschnitten sittengeschichtliche Zeugnisse bietet. Und
nicht bloss die Richtschnur des oeffentlichen Glaubens, sondern ebenso
die des Privatlebens wurde dabei mit in die tiefste Erniedrigung
herabgezogen. Zwar blieben echtmenschliche Tugenden der Heidin ein
allerdings noethigender Grund, sie spaeter einmal zu Christentugenden zu
subtilisiren und eine Walburg, eine Verena oder Gertrud zu
Kirchenheiligen zu erheben; allein diese Vereinbarung war und blieb eine
erzwungene, innerlich unwahre, und verfaelschte den sittlichen Kern des
Mythus bis zu dem Grade, dass es den irrigen Anschein gewann, als ob
hier die Legende aus dem Christencultus entsprungen waere, anstatt dass
umgekehrt dieser bloss entlehnend dem Mythus nachfolgte und ihn
legendarisch einkleidete. Ihm selbst aber durfte ein ehefeindlicher
Klerus, der dem Coelibat den uebertriebnen Werth einer vollkommnen Tugend
zuschrieb und nur ein einziges Weib als solches anerkannte, die
Himmelsherrin, auf das ganze uebrige Geschlecht aber die Ursache des
Suendenfalles zu waelzen fortfuhr, einem solchen, die Frauenwuerde
verkuendenden Mythus durfte der Moench kein Recht belassen, sondern musste
ihn so weit und so unablaessig herabwuerdigen, dass die Folgen davon bis
heute den Aberglauben aufzureizen vermoegen. Wenn daher zwar auf einer
Seite die Jungfrau, welche schmerzenstillendes Oel unter Segensspruechen
bereitete, als oelschwitzende Heilige kanonisirt worden ist, so ist sie
auf der andern Seite zugleich zur Hexenmutter satanisirt: Zaubertraenke
brauend, Seuchen und Misswachs herabbeschwoerend, Besen salbend, das
aller Zeugung feindselige Kebsweib des Teufels in der Walburgisnacht.
Dorten war sie die ehestiftende Liebesgoettin gewesen, hier eine Frau
Mutter des Frauenhauses (S. 82. 154). Dorten trank der Mensch auf ihren
Namen die Minne, sie selbst reichte dem in den Himmel eingehenden Helden
den Unsterblichkeitstrank; hier wird sie zwar auch eine Himmlische, aber
nur weil sie vorher als "Wirthskellnerin" tugendhaft geblieben war (S.
149). So urspruenglich schon steckt in dem Legenden erzaehlenden Moench
ein Blumauer, der die Aeneide travestirt. Ihm haust da ein spukender
Waldteufel, wo in der fraenkischen Waldeinsamkeit des Hahnenkamms und
Spessarts die Haingoettin an ihren Maibronnen gewaltet hatte; die
Fruehlingsgoettin Walburg wird ihm zum Blocksbergsgespenste, die
Seelenherrin Gertrud zur Leichenfrau, und zur landverwuestenden Riesin
wird die im Firnengolde des unerreichten Gletschers thronende Verena

--auf des gefuerchteten Gipfels
Schneebehangener Scheitel,
Den mit Geisterreigen
Kraenzten ahnende Voelker.

Wie sonderbar doch dieser Lohn ist, der dem deutschen Weibe dafuer
ertheilt wurde, dass es in unserem Volke zuerst, unter dem Widerstreite
der Maennerwelt, rein aus Froemmigkeitsbeduerfniss und Kinderliebe sich an
die neue Kirche ergab! Fuer treues Ausharren in den Pruefungen des Lebens,
fuer opferbereites, demuethiges Dulden zum Wohle der Mitmenschen war ihm
einst der Himmel zugesagt gewesen, es hatte ihn durch eigne Seelengroesse
erobert und sogar den Preis der Vergoetterung sich erworben. Dieser
Himmelsgenuss hiess der Kirchenlegende ein unverdienter, das heroische
Streben des Weibes, sich zur Wuerde der Gottheit empor zu heben, ein
frevelhaftes. Es wurde daher noch einmal in die Leidensschule der
gemeinen Leiblichkeit zurueckversetzt, um nun erst durch ein Mirakel
erloest zu werden. Denn von nun an sollte es nicht mehr auf das
persoenliche Verdienst, sondern auf das Geheimniss der Gnade angewiesen
bleiben. Diesen zweimaligen Bildungsweg, den das deutsche Weib in der
Vorzeit einzuschlagen hatte, haben wir als "Sittenbilder aus dem
germanischen Frauenleben" bezeichnet und nach dem doppelten Material der
Mythe und der Legende von drei heiligen Frauen zur Darstellung gebracht.
Dies ist der wissenschaftliche und patriotische Zweck unsrer Schrift,
die sich hiemit dem Antheil vorurtheilsfreier Landsleute empfiehlt.

Aarau 1. Mai, Walburgistag 1870.

E.L.R.

* * * * *




Inhalt.



Vorwort.


I. Walburg mit drei Aehren, die Ackergoettin.


Erster Abschnitt.
_Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende_.

Walburgs und ihrer drei Brueder Taufbrunnen, Klosterstiftungen,
Grabstaetten und Reliquien.--Oel, aus Stein und Bein der Walburgisgruft
fliessend; aehnliches kirchlich verehrtes Wunderoel. Abbildungen und
Embleme Walburgis.


Zweiter Abschnitt.
_Walburgis Hunde, Walburgis Aehren in kirchlichen Abbildungen und Hymnen_.

Der Hund, ein Geleitsthier etlicher Fruchtbarkeitsgoettinnen und
Heiligen; verehrt als saatenfressender Sturmwind und als breigefuettertes
Windspiel der Wilden Jagd, genannt Nahrungshund. Nackte und suesse
Huendlein als Zweckspeisen beim Dreschermahl.--Walburgis Emblem der Aehre
und der Garbe, ihre Erscheinungsweise in den Sagen, ihre Verduesterung in
dem Elbenglauben. Das Rechtssymbol der drei Aehren. Walburgs
Eulogienbrode.


Dritter Abschnitt.
_Walburgistag, des Meien hochgezit_.

Scenischer Zweikampf des Sommers und Winters, genannt den Tod austragen,
den Sommer ins Land reiten. Maienfahrt, Laubeinkleidung und
Ruthenzug.--Maigraf und Maigraefin. Das Mailehen ausrufen. Nachtsprueche
und Liebesorakel beim Maiensetzen. Feier des Valentinstages: saemmtliches
als Abbilder eines goettlichen Werbungs- und Vermaehlungsmythus, welcher
im Fruehlings- und Erntevorgang spielt.


Vierter Abschnitt.
_Maiengeding und Walbernzins_.

Walburgis und Martini, die beiden Jahresgedinge der ungebotenen
Gerichte, gezeigt aus den Weisthuemern.--Urkundliche Berechnung der
Gerichtskosten eines oberdeutschen Maiengedings.--Der Rutscherzins, die
Walpersmaennchen und Walperherren.--Aus der mit der Zinspflichtigkeit
verbundnen Nutzniessung bildet sich die Sage von einer auf den Zinstag
fallenden Befreiungsgeschichte der Landschaft.


Fuenfter Abschnitt.
_Der Mythus vom Maienthau_.

Landwirthschaftliche Erbsaetze ueber den Maienthau. Thau als
Quelle von Leben, Lebensdauer und Koerperschoenheit, angewendet
als Heilbad, Staerke- und Minnetrunk.--Bannbeschreitung,
Oeschprozession um die Flurzelgen und Mairitt
durch die Saat. Der Mythus vom Thau-abstreifen in
seiner naturgeschichtlichen Begruendung. Thauschlepper
und Thaustreicher als zaubernde Butter- und Milchgewinner.
Walburg in den Riesen- und Hexensagen.


Sechster Abschnitt.
_Walburg, die Goettin der Zeugung und Ernaehrung_.

Die westfaelische Walburg. Die phallischen Goetzenbilder zu Antwerpen und
Emmetsheim, um Kindersegen angerufen. Naive Arglosigkeit der bildlichen
Darstellung der Lebens- und Zeugungssymbole, deren Wiederanwendung in
den Gebildbroden zur Mittwinter- und Fruehlingszeit. Etymologische
Erklaerung des Namens Walburg nach dessen freundlicher und feindlicher
Anwendung.--Schluss: die Goetterjungfrau kredenzt den aus Thau, Honig,
Meth, Ael und Oel gewuerzten Unsterblichkeitstrank.


II. Verena mit dem Kamme, die Kindsmutter.

Erster Abschnitt.
_Verena, eine alemannische Gauheilige_.

Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der Verenalegende;
ersteres bedingt durch die Legende von der thebaischen Legion, letzteres
durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums. Verenas Weihkirchen und
Altaere in der Schweiz, ihr Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach.
Mittelhochdeutsches Gedicht: Von sand Verene.


Zweiter Abschnitt.
_Verena, die Muellerpatronin_.

Ihre Attribute: der schwimmende Muehlstein; ihre oertlichen
Kleinkindersteine. Die Muellerpatronin als Ehegoettin. Der in Stein
verwandelte Brodkipf und die unerschoepflichen Mehlsaecke.
Wirthschaftsregeln am Verenentage.


Dritter Abschnitt.
_Verena, die Geburtshelferin_.

Ihre oertlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und Wasserkirchen; die
ihr geopferten Maedchen- und Brautkraenze; ihr Geburtsguertel, Haarkamm und
Waschkrug; ihre landschaftlichen und kirchlichen Heilquellen.
Gesundheitsregeln am Verenentage. Mythische Nachklaenge von der
Gewitterriesin: das Vrenelisgaertli am Glaernischgletscher.


Vierter Abschnitt.
_Verena als Frau Venus_.

Das Tannhaeuserlied in aargauischer Version; die Frau Venus-Vrene des
Volksliedes. Die Venus-, Feens- und Vrenenberge, sowie die Venus- und
Vrenenhaeuser, zurueckgefuehrt aus ihrer gegenseitigen Namensvertauschung
auf den urspruenglichen Mythus.


III. Gertrud mit der Maus, die Allerseelenherrin.


1) Die hl. Gertrud, heidnisch nach Namen, Legende und Attributen.

Ihre altkirchlichen Abbildungen mit der Beigabe des Wagens, Schiffes,
Stabes, der Spindel und der Maeuse.

2) Der Gertrudentag mit seinen Kalenderregeln und Zeitthieren: Specht,
Kukuk und Schnecke; letztere tragen zu dritt den Namen der Heiligen und
werden in deren Namen berufen als Lebens- und Todesboten.

3) Gertrud als Seelenherrin. Die Abgeschiedenen werden wieder zu Elben
und erscheinen in Thiergestalt. Die Maus als ausfahrende, umwandernde
Menschenseele, sowie als Rachegeist Abgeschiedner; der ihr geopferte
Wechselzahn. Einschlaegige volksmedicinische Braeuche.

4) Die Rolle der Maus bei den Erntebraeuchen, die in Mausform gebackenen
Zweckbrode. Gertrudens Maeusegespann, wiederkehrend in den Ortssagen. Das
Trinken der Gertruden-Minne, Gertrud als Fylgja und Walkuere.

_Symbole_. Die Terracotta-Maus aus dem Grabfelde zu Rheinzabern. Das
Oxforder Weihnachtsbrod. Die Schnitternudel der Suessen Maeuschen. Das
Kalenderzeichen des Gertrudentages.


Nachtraege


Wortregister

* * * * *




I.

Walburg mit drei Aehren,

die Ackergoettin.

* * * * *



Erster Abschnitt.

Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende.


Dem allgefeierten ersten Mai geht die Walburgisnacht unmittelbar voraus,
der heitersten Naturfreude die verderbenbringende Hexennacht. Hier eine
jungfraeuliche Maikoenigin, aus dem frischen Gruen der Haine ueber den
thauigen Anger her in unser Dorf einziehend, empfangen und umjubelt von
der maientragenden Kinderschaar; dorten aber auf finsterer Berghoehe die
entsetzliche Nachtkoenigin, Hagel und Schlossensturm, Misswachs und
Seuche brauend, unkeusche Satanstaenze abhaltend, eine Feindin des
Wachsthums und der Zeugung: welch ein Contrast binnen vierundzwanzig
Stunden, welche Paarung der Brokenhexe und der Kirchenheiligen unter
einem und demselben Namen! Die nachfolgende Untersuchung strebt den
Zusammenhang dieser zwei getrennten, so hart sich widersprechenden
Haelften eines urspruenglich einheitlichen Wesens aufzuweisen und
dieselben zur wuerdigen Gesammtheit eines germanischen Goetterbildes zu
vereinbaren. Zu diesem Zwecke wird hier eine Skizze der Walburgislegende
nach deren aeltester Aufzeichnung, unter Weglassung der ausschmueckenden
kirchlichen Zuthaten, vorangestellt. Quelle und Schauplatz der Legende
ist baierisch Franken, zugleich die Heimat des Verfassers vorliegender
Ausarbeitung.

Die Quellen, auf weiche sich die Untersuchung wiederholt zu berufen hat,
sind nachfolgende.

Das Hodoeporicon oder Itinerarium (so benannt, weil es Wilibalds Reise
nach Jerusalem enthaelt) schrieb eine Landsmaennin und Zeitgenossin
Wilibalds aus ihrer eignen und der Diakone Erinnerung. Sie heisst die
Heidenheimer ungenannte Nonne, und war 762 ins Heidenheimer Kloster
eingetreten, also noch zu Walburgis Lebzeiten. Das Original ist erst
seit Canisius und Mabillon bekannt geworden und steht gedruckt bei
Falkenstein Cod. dipl. 447. Bei der franz. Invasion des Bisthums
commandirte der zu Marschal Ney's Armee gehoerende General Dominik Joba
etliche Wochen in Eichstaedt, beruechtigt als Inkunabeln- und Gemaeldedieb;
er liess durch seinen Sohn am 16. Juli 1800 die Handschrift im
Chorherrenstifte Rebdorf stehlen, seitdem ist sie verloren. Sax, Gesch.
des Hochstifts Eichstaedt, S. 365. Dies ist die Hauptquelle fuer alle
uebrigen Aufzeichnungen der Walburgislegende. Die naechstfolgende
Biographie Walburgis verfasste zu Ende des 9. Jahrhunderts der Moench
Wolfhard zu Hasenried, das spaetere Herrieden a.d. Altmuehl, einer im J.
888 durch Kaiser Arnulf an das Eichstaedter Bisthum vergabten Abtei. Im
J. 1309 schrieb der Bischof von Eichstaedt Philipp von Rathsamhausen
Wilibalds und 1313 auch Walburgs Legende, um deren Abfassung ihn Koenigin
Agnes, des ermordeten Albrecht Tochter, von ihrem Stifte Koenigsfelden
aus brieflich angegangen hatte. Der Bischof ueberschickt ihr und ihrem
Convente das verlangte Werk, betitelt: Leben, Thaten, Tod und
Wunderwerke der _seligen_ Jungfrau Walburg; die Zuschrift steht gedruckt
in der Ztschr. Argovia 5, 25. Dies Werk ist zwar schon die fuenfte, aber
die erste _umfassendere_ Erzaehlung der Legende, sagt Gretser X, 906b.
Der bischoefliche Verfasser war von Kolmar im Elsass gebuertig und starb
1322. Bolland. 25. Febr., tom. III, 512b. Sein Werk uebersetzte der
Eichstaedter Stadtschreiber David Woerlein und dedicirte es dem damaligen
Bischof Konrad von Gemmingen; gedruckt zu Ingolstadt 1608 bei Andrae
Angermayer. Auf diese beiden Schriften stuetzen sich nachfolgende, von
uns gleichfalls benutzte Sammelwerke: Acta Sanctorum, saec. 3, pars
secunda 287.--Bollandisten tom. 3., 25 Febr.--Gretser, Vitae Sanctor.
tom. X.--Matth. Rader, Bavaria sancta, 1704.--Alle nennenswerthe weitere
Literatur ueber die Walburgislegende ist verzeichnet in Rettbergs
Kirchengesch. 2, 347 und 356.

Winfrid-Bonifacius, der Apostel der Deutschen, geb. 680 zu Cirton oder
Krediton in der englischen Grafschaft Devonshire, hatte bereits bei
Friesen, Sachsen und Franken das Evangelium gepredigt, als er im
Auftrage des Pabstes Gregor II. nach Thueringen und Baiern kam und in
diesem letzteren Lande zu dem damals schon vorhandenen Bisthum Passau
diejenigen zu Regensburg, Freising, Wuerzburg und Eichstaedt gruendete.
Eine Schaar gebildeter Maenner und Frauen aus dem Angelsachsenvolke
begleitete ihn dahin und uebernahm die Leitung der neuen Stiftungen.
Kunigild und ihre Tochter Bertgit verwendete er als Abtissinnen in
Thueringen, Kunitrud und Tekla setzte er ins Kloster nach Kissingen,
Lioba nach Bischofsheim an der Tauber, Walburg nach Heidenheim am
Hahnenkamm. Walburg, die Tochter des angelsaechsischen Fuerstenpaares
Richard und Wunna, die Schwester von Oswald, Wunnibald und Wilibald, war
auf ihres Oheims Winfrid Rath durch Thueringen nach Baiern gereist und
hier im Sualafelder Gau mit den drei Bruedern zusammengetroffen. Dieser
Gau, in dem sie sich nun zusammen niederliessen, reichte vom Bergzuge
des Hahnenkamms in das Altmuehlthal nach dem jetzigen Eichstaedt, schloss
auf einer Seite das Weissenburger Gebiet mit Gunzenhausen und Eschenbach
in sich, auf der andern Seite die Pappenheimer Mark im Ries. Hier hatte
Bruder Wilibald schon vorher im J. 740 bei Eichstaedt ein Kloesterlein in
der Regel des hl. Benedict gegruendet und war fuenf Jahre nachher auf der
Mainzer Synode (nach Rettberg 1, 353 schon im J. 741) zum ersten Bischof
von Eichstaedt eingesetzt worden. Zusammen mit Bruder Wunnibald erbaute
er dann am Hahnenkamm zu Heidenheim ein gleiches Kloster, fuegte
demselben 760 einen Frauenkonvent in der Benedictinerregel bei und
uebergab dessen Leitung an Walburg. Die Stellen zu den neuen
Kirchenbauten pflegten die Geschwister sich da auszuwaehlen, wo ihr
Reiseross jeweilen stetig wurde oder eine Quelle fand. Solcher jetzt
noch fuer heilkraeftig gehaltener Quellen zaehlt man in der Eichstaedter
Landschaft sechse. Ein Wilibaldsbrunnen liegt ob dem Eichstaedter
Forellenweiher an der Landstrasse im Weissenburger Walde und heisst
Roemleins- oder Rimleinsbrunnen, weil der glaubenseifrige Bischof hier
Roemer getauft haben soll. Der Waldberg, aus dem die Quelle fliesst, ist
in der Fronte bis zur Hoehe aufgemauert und mit Quadern, einem Thore
gleich, eingefasst; eine Abbildung giebt Falkenstein, Nordgau. Alterth.
1, cap. 1, S. 14. Der zweite Wilibaldsbrunnen liegt zunaechst dem Kloster
Bergen; als der Heilige hier heranritt, sprudelte der Quell unter dem
Tritt des Rosses aus einem Felsen von 16 F. Umfang auf und versiegt
seitdem bei keiner Sommerduerre. Der dritte liegt ob der Wilibaldsburg
auf einem der zwei gruenen Hoehenzuege, die den Eichstaedter Thalkessel
umgeben. Dazu kommt noch am Wege nach dem Dorfe Titing die
Wilibaldsruhe, wo eine neuerlich abgegangene Feldkapelle mit des
Heiligen Bildnisse stand. Ferner erbaute er das Stift Heilsbronn, nach
jener maechtigen "Hails- oder auch Hagelsquelle" zubenannt, die hier in
einen dreikaestigen Brunnen gefasst wurde und aus 32 Roehren sprang; sie
stand im vorderen Kreuzgange und wurde im Schwedenkriege zerstoert. Eben
so liess sich die Schwester Walburg im mittelfraenkischen Staedtchen
Heidenheim beim Ortsbrunnen nieder, welcher der Schoen- und Heidenbrunnen
heisst. Als aber Wunnibald hieher auf Besuch kam, entsprang im
Klostergarten (jetziges Rentamt) auch der Kaesbrunnen, ein Hungerquell,
an welchem die Heidentaufen vorgenommen wurden. Bruder Oswald erbaute
sich beim Schlosse Hohentruedingen das Stift Auhausen; seine
Wunderbrunnen liegen jedoch nicht hier, dagegen ist ihm in Tirol beim
Dorfe Oswald am Ifinger einer der drei "Jungbrunnen" dieses Landes
geweiht und er selbst gilt dorten als ein gewaltiger Wetterherr.
Zingerle, tirol. Sitt. no. 794. 936.

Ueber Jahr und Tag des Todes der Geschwister widersprechen sich die
Kirchenhistoriker Gretser, Rader, Falkenstein und Pater Luidl. Nach den
neuesten und scharfsinnigen Untersuchungen von D. Popp, Errichtung der
Dioecese Eichstaedt, wird von nun an Folgendes zu gelten haben.

Wunnibald stirbt 18. Dec. 761; Walburg 25. Febr. 779; Wilibald 7. Juli
781. Letzterer wurde in der Eichstaedter Kathedrale, die beiden ersteren
im Kloster Heidenheim beigesetzt. Hier liess nachmals Abt Otkar
Walburgis Erdgrab eroeffnen und erblickte drinnen die Leiche unverwest
und thaufrisch: "totum corpus rore perfusum cernebatur". Am 21. Sept.
870 tragen zwei zusammen gebundene Rosse den Sarg nach Eichstaedt und
bleiben hier freiwillig vor der Kirche zum hl. Kreuz stehen. Also liess
Otkar die Leiche hier bestatten und den Tempel Walburgiskirche benennen.
Schon auf dem Wege hieher hatten zwei Epileptische den Sarg beruehrt und
wurden dadurch geheilt. Ein Lahmer geht auf Kruecken voran in die Kirche
zu Wilibalds Grab und ruft da: Wilibald, gib mir das Botenbrod, deine
Schwester kommt! Darueber laesst er die Kruecken fallen und ist geheilt.
Gretser 739. Gegen das eben genannte Jahr dieser Versetzungsgeschichte
streitet indess die weiter gehende Erzaehlung von der Theilung der
Walburg-Reliquien. Als naemlich Walburg gestorben war, hatte ihre
Gefaehrtin Lioba kein Gefallen mehr an Heidenheim, sondern gruendete aus
ihren reichen Mitteln im J. 870 zu Monheim ein Frauenstift in der
Benedictinerregel, und die von ihr nach Eichstaedt abgegebenen
Walburgisreliquien mussten nun mit dem neuen Stifte Monheim getheilt
werden. Als man sie desshalb im J. 893 zu Eichstaedt wiederum aufgrub,
zeigten sie sich mit einer wundersamen Fluessigkeit ueberzogen, die bei
Beruehrung nicht an den Fingern kleben blieb: cineres lympha tenui
madefactos, ut quasi guttatim ab eis roris stillae extorqueri valerent
(A. SS. 11, 293). Beide eben citirte Stellen sind in so ferne von
Belang, weil sie die ersten Andeutungen des nachmals so beruehmt
gewordnen Oelflusses enthalten. So blieb also ein Theil der Reliquien zu
Eichstaedt, der andere kam nach Monheim und wurde hier an jedem
Jahrestage durch vier Stadtraethe in einem silberueberzogenen Saerglein in
gewohnter Prozession umhergetragen. Als aber durch die Reformation die
Kloester des Sprengels der Reihe nach aufgehoben wurden: Solenhofen,
Wuelzburg, Baring, Heidenheim, Monheim, zerstoerte der Bildersturm
(haereticorum furor, sagt Rader 3, 48) auch die hl. Gruefte, so dass
Wunnibalds Sarg in Heidenheim und die silberbeschlagne Arche in Monheim
spurlos verloren giengen. Letzteres geschah erst 1542. Man sagt,
Walburgis dort verwahrt gewesener bischoeflicher Stab, auf dessen
Beruehrung Blinde das Augenlicht wieder erhielten, sei spaeter auf dem
Walpersberge bei Koeln von den Jesuiten verwahrt worden und alljaehrlich
am 1. Mai im Flurumgang durch die Felder getragen worden. A. SS. pg.
302. Wir werden spaeter darauf noch zurueckkommen.

Von den Koerpertheilen Walburgis ist in ihrer Gruft zu Eichstaedt nichts
anderes mehr als nur das Brustbein vorhanden. Dasselbe liegt dorten im
Altar der Gruftkapelle der schon 1040 renovirten und 1631 neugebauten
Walburgiskirche. Dieser Altar, ein laenglichter Steinwuerfel, ist in
seinem Fundament nach aussen viereckig ausgehauen, so dass er als ein
auf seine Breitseite umgelegter aelterer Steinsarg erscheint. Sein
Material ist Sandstein, wie ihn die Brueche vom benachbarten Pleinfelden
ergeben. Durch seine Hoehlung geht der Laenge nach eine ebne
ungeschliffene Kalksteinplatte von der Art des naechsten
Eichstaedterbruches, aufgesetzt auf zwei kurze Traeger aus Sandstein.
Diese Bank heisst der Gnadenstein, denn auf ihrer nackten Flaeche liegt
Walburgis Brustbein. Anfangs Oktober faerbt sie sich blaulicht und
ueberlaeuft mit dunstigem Stoff, der zu erbsengrossen Perlen gerinnt und
tropfenweise ehedem in einem viereckig ausgehauenen Mittelraume sich
sammelte. So beschreibt es Gretser X, 907 (gestorben 1625); der spaetere
Falkenstein, Nordgau. Alterth. 1, 31 sagt, dass diejenigen Tropfen, die
nicht von oben her, sondern von der Seite der Steinbank hervordringen,
durch silberne Abzugsrinnen in eine darunter stehende Goldschale
geleitet werden, und so schildert es auch die Bavaria (3, Abth. 2, 979)
als heute noch bestehend. Der Innenraum des Gruftsteins ist durchweg mit
Silberblech ueberzogen, die Vorderseite wird mit einer von innen
silberbeschlagenen Eisenthuere verschlossen. Dies ist das Mirakel des
Oelthauens, von der Kirche das stillicidium genannt. Das Oel ist weiss
und hell, geruch- und geschmacklos und schnell verfluechtigend;
unaufgesammelt soll es am Gruftstein wie griesiges Schmalz in sich
selber verstocken: Es wird von den Klosterfrauen in kleine, langhalsige;
mit Wachs verschlossne Glasflaeschlein zum Verkauf umgeleert: An Ort und
Stelle hat der Verfasser dieses in seiner Jugend eine messingene Eichel,
vergoldet und am Napfdeckel aufzuschrauben, den Klosterfrauen abgekauft;
sie enthielt wohlriechende, in dies Oel getauchte Baumwolle nebst einem
gedruckten Gebrauchszettelchen, wornach man unter bestimmten Gebeten
diese Wolle in schmerzende Zaehne und Ohren steckt. Frauen tragen derlei
geweihte Metalleicheln an dem silbernen Schnuerwerk des Mieders.

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