Drei Gaugoettinnen by E. L. Rochholz
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Den Brauch, die Jungfrauen ins Mailehen zu geben und die Wittwen mit zum
Brautkauf auszurufen, kann man nunmehr aus dem Leben der hl. Bilihildis
nachweisen, ueber deren Zeitalter freilich sich nur das mit Bestimmtheit
sagen laesst, dass ihr Name in den Martyrologien des 10. Jahrhunderts
genannt wird. Rettberg, Kirchengesch. 2, 303. Sie war als Heidenmaedchen
einer Adelsfamilie aus Veitshochheim in die Klosterschule nach Wuerzburg
gethan worden und sah hier das beruehmte Maispiel mit an, das die
gleichfalls noch heidnischen Mainfranken alljaehrlich zu begehen
pflegten. Dasselbe findet sich beschrieben in der von Herbelo metrisch
verfassten Vita S. Bilihildis (Ignaz Gropp, Collectio Scriptor.
Wirceburg. 1741, 791). Statt dieses breiten unbeholfenen Berichtes, der
ohnedies wie ein Polizeibericht des vorigen Jahrhunderts ueber unsre
Volkssitten lautet, folgt hier bloss ein sachgetreuer Auszug. Nach altem
Herkommen, das wie eine religioese Satzung galt, hielt das
Frauengeschlecht der Mainfranken alljaehrlich im Fruehling zu Ehren der
Venus und der Vesta ein Spiel ab, wobei ohne Mann und nackt getanzt
wurde. Saemmtliche Wittwen unter fuenfzig Jahren und alle mannbaren
Maedchen traten mit auf, nackt, in bunten Farben schimmernd, Blumen- und
Laubgewinde in den Haenden tragend. Waehrend eine Schaar den Reihen
fuehrte, ergoetzte sich die andere am Anblick der Gespielinnen und fuehlte
sich zu frischem Beginne angespornt. Das Maennervolk machte dabei den
Zuschauer. Den Vornehmen ergoetzte die vornehme Haltung, den Bauern die
laendliche oder volksthuemliche. Ein Jeder erlas sich unter ihnen die
kuenftige Gattin, und wenn auch noch nicht vertraut mit ihrem Gemuethe,
traf er hier nach ihrer Wohlgestalt bereits im voraus seine Wahl. Alle
bei diesem Feste geschlossnen Ehevertraege hatten das Jahr ueber ihre
Geltung bis zum Herbstfeste, das man unter abermaligem Tanze in einer
Scheune begieng. Indem so der Mann sich eine Frau erwaehlte, die er noch
nicht naeher als vom blossen Anblick kennen gelernt hatte, beobachtete er
ein heidnisches Herkommen, fuer dessen Gesetzgeber und "_Koenig_" er sich
selber hielt. Jedoch keineswegs mit dem gleichen Erfolg konnten diese
Maedchen sich den Titel der "_Koenigin_" beilegen, wenn eben diejenigen
Maenner, welche hier beim Tanze mit der Brautfackel der Venus gefangen
worden waren, ueber dieses Spiel als ueber einen blossen Scherz nachher
tausendmal gelacht haben. Ganz anders that daher die selige Bilihildis,
die nicht spielend, sondern allein kirchlich die Verlobte eines Mannes
werden wollte: unter Thraenen bewog sie ihren Vater, beim Koenig Chlodwig
Anzeige zu machen von diesem sittenwidrigen Frauentanze, worauf alsdann
der Regent durch ein Edikt dem deutschen Venusspiel ein Ende machte. So
weit Herbelo's Nachricht.
Der Ehemann, welcher, hier _Koenig_ genannt wird, ist im heutigen
Fruehlingsspiele der Maigraf oder Lauchkoenig, die von ihm erwaehlte Braut
die Maikoenigin oder Prinzessin. Die Jungfrauen und Wittwen versammeln
sich zum vorbestimmten Festtanze, um unter die zuschauenden Maenner ins
Mailehen vertheilt zu werden. Sie sind bemalt und bekraenzt, tragen
Laubguirlanden, Abends Fackeln: lauter Einzelzuege unsrer heutigen
Fruehlingsbraeuche. Damit erledigt sich auch die von Herbelo wiederholt
genannte nuda cohors muliebris in ludo nudo ludens; denn diese besteht
keineswegs aus nackten, sondern aus entbloessten Taenzerinnen, d.i. aus
solchen, die als Botinnen des Fruehlings Frauenmantel und Haube abgelegt
haben, hochgeschuerzt, blossarmig und baarhaeuptig in den Reihen treten,
ums fliegende Haar den Kranz aus Walburgiskraut geflochten (Osmunda
lunaria und Botrychium lun.). Ist hier von der Moenchsphantasie ein
zuechtiger Fruehlingstanz schon zum nackten Ball gemacht, gegen den der
angebliche Frankenkoenig Chlodwig einschreiten muss, so haben auch die
Orgien der nackten Weiber am Blocksberge keine andere Entstehungsquelle,
als eben dieses grausame Missverstaendniss von Seite des Klerus.
Doch wir kehren zurueck zu den ferneren Volksbraeuchen der Walburgisfeier.
In derselben Mainacht werden glattgeschaelte, schmuckbehangene Baeumchen
auf die Dorfbrunnen und der Liebsten vors Fenster gesteckt, damit jene
das Jahr ueber klar fliessen, und diese eben so lange wieder frisch und
schoen bleibt. Man waehlt dazu besonders die Zweige der Eberesche mit
ihren rothen Beeren, davon heisst sie selber der Wolbermay (Praetorius,
Blockesberg, 460). Die Reime, die man an den Baum haengt oder vor dem
Kammerfenster des Maedchens hersagt, ergehen sich in den gleichen
Sinnbildern:
Gruess dich Gott durch eine Hand voll Seiden,
Alle frischen Herzen will ich deiner wegen meiden.
Gruess dich Gott durch einen Seidenfaden,
Gott bewahre dich im finstern Gaden.
I loss sie grueessen durh e hoechi Tanne,
die Zit isch cho zum Wiben--und zum Manne,
I loss sie grueessen durh es Haempfeli Thau:
i woett, mi Holdi waer mi Frau.
Rosmeri und Zypresse,
ass i de nit vergesse;
Rosmeri und Naegeli dri,
g'hoersch, i moecht gern bi der si!
bi der si, wie's Roesli hockt
am-ene einige Stengel:
Der Herr ist schoen, si Frau ist schoen
und s' Chind ist wie ne Engel.
Aber dieser Maibaum wird nur der Getreuen gesetzt, "ein duerrer
Walberbaum" kommt zur schmerzlichen und entehrenden Ueberraschung vor
das Fenster der Verfuehrten (Bavaria II, 269), oder ein Strohpopanz,
Namens Walburg, wird der Faulen aufgesteckt, die zu dieser Zeit ihr Land
noch nicht umgegraben hat. Kuhn, Nordd. Sag. S. 376. Inzwischen
erforscht zur selbigen Nacht das Maedchen ihre Zukunft aus mehrfachen von
Walburg selbst herruehrenden Liebesorakeln. Die Heilige traegt eine
aufgeweifte Spindel. Auf diese bezieht sich der oesterreichische Brauch
des Fadenziehens, welchen Vernaleken, Alpensag. no. 92. 93 meldet. Die
Maedchen, welche Lust haben, ihres Zukuenftigen Beschaffenheit
vorauszuwissen, setzen sich Mitternachts in einen Kreis und nehmen einen
feinen Gespinnstfaden ihrer eignen Arbeit, der jedoch drei Tage vorher
hinter einem Mariabilde gehangen hat. Waehrend er im Kreise herum durch
die Finger laeuft, spricht man stille und mit geschlossnen Augen:
Voaten, i ziech di,
Walpurga, i bid di,
zag von main Man
alle Seiten an.
Wie dabei der Faden sich anfuehlt, weich und glatt, hart und fest, so
werden des einstigen Mannes Eigenschaften sein. Das oberpfaelzer
Bauernmaedchen schleudert ungesehen ihren Schuh ueber den Peuntbaum und
horcht, aus welcher Gegend her wiederholtes Hundegebell herueberschallt;
eben daher wird einst der Werber zu ihr kommen. Ihr Spruch lautet:
Hunderl, ball, ball,
ball ueber neunmal,
ball ueber's Land,
wau mein feins Liab wahnd.
Schoenwerth, Oberpf. Sag. 1, 139. So verhilft hier der Hund, Walburgs
Geleitsthier, und dorten Walburgs Flachsfaden zum Gelingen des
Liebeszaubers.
Das vorhin geschilderte Mailehen, die Vertheilung der mannbaren Maedchen
an die jungen Ortsburschen, fand bei den Moselfranken nicht am 1. Mai,
sondern am ersten Sonntag in Fastnachten statt und hiess daselbst der
_Valentinstag_; es wurde 1799 polizeilich verboten (Hocker, Moselthal
24). Eine Waldhoehle bei Ebersberg in Oberbaiern mit einer dabei
stehenden Linde hatte dem umwohnenden Volke zum Versammlungsorte
gedient, um hier den Teufel (Valant) heidnisch zu verehren. Ein heiliger
Mann, Konrad von Heuwa, zerstoerte beide von Grund aus und liess an der
Stelle ein _Valentins_kirchlein erbauen. Schoeppner, B. Sagb. no. 70.
Dies fuehrt uns auf den am 14. Febr. in England gefeierten Valentinstag,
das eigentl. Fest, der Jugend und der Liebe hier, wie im noerdlichen
Frankreich, in Belgien und den Niederlanden. Es ist ein vorausbegangner,
vordatierter Maitag oder Walburgistag. Eine alte Stadtsage Londons
erklaert, dass sich am 14. Febr. die Voegel zu paaren beginnen, und ein
gleichfalls alter Sprachgebrauch nennt darum das Maennchen Valentin, das
Weibchen Valentinne, sprich Wallen-tein. Dies trifft genau zusammen mit
dem von Russwurm veroeffentlichten Holzkalender der Inselschweden, in
welchem der 1. Mai mit folgender Kalenderrune verzeichnet steht: ein
nach oben gekehrter Halbring, in dessen Mitte ein kleinerer liegt, ist
das Sinnbild des Eies im Neste der zu dieser Zeit wieder bruetenden
Voegel. Alles ueberschickt sich in England an diesem Tage kleine Geschenke
und anonyme Liebeserklaerungen. Es liegt uns ein Bericht des Londoner
Postamtes vom Valentinstag 1857 vor. Um 9 Uhr Morgens wurden 150,000
Briefe aufgegeben; um 10 Uhr 25,000; um 11 Uhr 175,000; Mittag
12,000--bis zum Abend noch einmal weitere 60,000, so dass an diesem Tage
(ausser den vielen bezueglichen Inseraten der 145,000 Zeitungsnummern)
422,000 Briefe ausgetragen wurden, d.h. zwei- bis dreimalhunderttausend
mehr, als an allen uebrigen Tagen des Jahres. Dafuer zum Entgelt erhalten
dieses Tages die Brieftraeger eine besondere Mahlzeit, bestehend aus
Rostbraten und Ale (Schweizerbote, Zugabe no. 6, 11. Febr. 1860). Auch
dabei galt ehemals die Sitte, Liebsten und Liebste durchs Loos zu ziehen
und daran die Verpflichtung gegenseitigen Wohlwollens oder sogar
bleibender Treue zu knuepfen. Allbekannt ist das dahin zielende
Liebeslied der Hamletischen Ophelia:
Guten Morgen, es ist St. Valentinstag
so frueh vor Sonnenschein,
ich junge Maid am Fensterschlag
will euer Valentin sein.
Noch heute, berichtet Reinsberg (Festl. Jahr, 34) sind Landmaedchen des
festen Glaubens, der erste Mann, den sie am Morgen dieses Tages
erblicken, werde ihr Valentin und einst ihr Ehemann, vorausgesetzt, dass
er nicht mit ihnen im gleichen Hause wohne, nicht ihr Anverwandter und
kein Verheirateter sei. Daher stellen sich junge Maenner oft schon vor
Sonnenaufgang in der Naehe des Hauses oder an der Strasse auf, wo ihre
Geliebten vorueber kommen muessen, und diese wiederum gehen bei ihren
Gaengen lieber eine halbe Stunde um, wenn sie dadurch einem
Nichtersehnten aus dem Wege gehen koennen, oder sitzen mit zugemachten
Augen den halben Morgen hinter dem Fenster, bis sie die Stimme
desjenigen hoeren, den sie gern moechten. Suchen wir die Erklaerung und den
Zusammenhang des also gefeierten Valentintages sammt den
vorausgeschilderten Maibraeuchen, so finden wir dafuer den nordischen
Natur-Mythus von der Brautwerbung der Goetter. Das in zwei Haelften
getrennte Sonnenjahr wird gelenkt von zwei Mit-Odhinen. Erst hat sich
der winterliche Uller-Odhin zum Alleinherrscher der Erde aufgeworfen.
Vergebens will ihn Wali-Odhin verdraengen, er ist noch kinderlos. Da
wirbt er um Rinda (die hart gefrorne Wintererde), sproede straeubt sie
sich gegen seine Liebe, bis er sie mit dem Zauberstab des Lichtpfeils
geruehrt hat. Als sie ihm darauf den gleichnamigen Sohn Wali gebiert,
entflieht Uller-Odhin, gehuellt in Pelze und dahinschreitend auf
Schlittschuhen, in den Hochnorden zurueck. Dies der aeusserlichste Umriss
der Mythe; volle Gestalt gewinnt sie erst durch unsere altdeutschen
Gottheiten und Stammhelden, und alle Einzelzuege der spaeteren Sagen und
Braeuche finden dabei ihr ueberraschendes Verstaendniss. Mit der
aufsteigenden Fruehlingssonne wird Wuotans, und Frouwas Hochzeitsfest
gefeiert, wird Gerda von Freyr, Brunhilde von Gunther und Sigfried durch
Wettspiele erworben, in dieser wonnigsten Zeit des Jahres gruenen und
schimmern dann alle Hoehen von den bei der Goetterhochzeit abgehaltenen
Festtaenzen. Dann sagen sich die Menschen, das sei der Zug aller
Zauberweiber zum Broken, an diesem ersten Maitage muessten die Hexen den
letzten Schnee vom Blocksberge wegtanzen (Kuhn, Nordd. Sag. 376), oder
ebenso an Mariae Lichtmess muessten unsre Frauen im Sonnenschein tanzen,
damit die Schneeflocken am Pilatusberge vergehen und der Flachs so hoch
wachse wie die Spruenge der Taenzer sind. Ob dabei das Fest auf 14.
Februar, oder auf Walburgis und 1. Mai, oder auf 12. Mai, oder gar erst
auf Pfingsten angesetzt wird, verschlaegt nichts und ist eine blosse
Folge spaeterer Zeiteintheilung. In den Volksbraeuchen ist noch vielfach
die Rechnung nach dem alten Kalender beibehalten und folglich wird da
der 12. Mai als der fruehere erste begangen und der Tag Pancratius hat
uebernommen, was sonst vom Tage Walburgis galt. Da muss man Lein saeen und
dabei recht lange Schritte machen (Thueringen, Hessen); oder die aelteste
Jungfrau des Hauses muss am Fasnachtstage (Harz), oder an Lichtmess
(Meklenburg) rueckwaerts vom Tische springen; oder die Hausfrau muss
einige Stuecke tanzen und dabei recht hoch springen (Schlesien, Mark);
oder man steckt beim Saeen die Harke oder grosse Hollunderzweige
senkrecht in die Erde (Meklenburg, Thueringen)--alles, damit der Flachs
gut gerathe und eben so hoch wachse. Wuttke, Volksabergl. Aufl. 1, S.
184. Hauptgehalt aller dieser Braeuche aber bleibt in gleicher Wiederkehr
der erneute Wucher des Erdreiches und die Fruchtbarkeit der neuen
Liebesbuendnisse. Von der deutschen Heldensage an bis hinab in das
Kindermaerchen vom Dornroeschen wird hievon gesungen und gesagt. Denn wenn
die in der Waberlohe schlummernde Brunhilde von Sigfried aus dem
Zauberschlafe geweckt und zum Weibe erworben wird, so ist diese
Waberlohe das im Mittagsstrahle flimmernde, traeumerisch nickende
Aehrenfeld, Brunhilde ist die darin ruhende Naehrkraft. Sigfried, von dem
gesagt ist, dass wenn er durchs Kornfeld schritt, die Aehren nur an den
Thauschuh seiner Schwertspitze reichten, ist die grosse Gestalt des
Schnitters. Voranschreitend zertheilt er die Halme, hinter ihm schlagen
sie wieder zusammen, bis seine Sichel alle gefaellt hat. Dies heisst in
der Edda: Sigfried sprengt zu Ross in die von Feuer umgebne Burg, nimmt
der Schlafenden den Helm vom Haupte, schneidet ihr mit seinem Schwerte
den Panzer, der weder Haken noch Nesteln hat, von Brust und Armen,
worauf sie erwacht, ein Trinkhorn mit Meth fuellt, dem Befreier
ueberreicht und ihn die Runen gebrauchen lehrt, die Sieg-, Meth-, Sturm-,
Rechts- und Machtrunen. Solche Weisheit bewundernd ruft Sigfried: Keine
andere als dich will ich zum Weibe haben!
Wohin aber in diesem sagenhaften Goettergewimmel mit Walburgis? Auch sie,
obschon sie unter dem Einflusse der Kirche eine ehelos lebende Heilige
geworden ist, war einst eine Schoenheitsgoettin gewiesen, von welcher das
Glueck der ehelichen Liebe und das Gedeihen der laendlichen Arbeiten
ausgieng. Von ihrer Frauenschoenheit berichtet noch eine oberpfaelzische
Sage (Schoenwerth 1, 389), die alle Spuren hohen Alterthums an sich
traegt. Bekanntlich pflegten sich Heiden- und Christenpriester
gegenseitig in Religionsdisputationen ueber die Vorzuege ihrer Himmel und
Himmlischen zu messen, und der Streit endete manchmal damit, dass beide
Theile es auf einen Augenschein, auf ein visum repertum ankommen
liessen. So kommt es zwischen einem Priester und einem Heidenweibe
(Hexe) denn auch einmal zur Frage, wer schoener sei, die Heidengoettin
Walburg oder die Himmelsjungfrau Maria. Der Vorgang ist folgender. Eine
Hexe beichtet ihren Stand einem Geistlichen, erklaert aber auf dessen
Abmahnen, ihren Versammlungen wohne die Mutter Gottes leibhaftig bei, er
moege sie nur bei der naechsten Ausfahrt begleiten und sich selber
ueberzeugen. Am bestimmten Tage setzt sich der Mann mit der Hexe in einen
Wagen und faehrt durch die Luefte, bis man Glocken laeuten hoert. Da senkt
sich der Wagen und man steht in der Mitte einer prachtvollen, mit einer
zahllosen Menge angefuellten Kirche: In der That wandelte auch die Mutter
Gottes leibhaftig auf dein Altar herum, voll Glanz und Schoenheit. Doch
dem Priester schien sie zu ueppig und verfuehrerisch, er sprang auf den
Altar und hob ihr ein verborgen gehaltenes Crucifix mit den Worten unter
die Augen: Bist du die Mutter des Herrn, so sieh hier deinen Sohn! Da
erloschen mit einem mal saemmtliche Lichter, dichte Finsterniss und
Stille herrschte, der Pater stiess sich an rauhen Steinen und als es
gegen Tag gieng, befand er sich im Gemaeuer eines Galgens.--Wir werden
dieselbe hl. Walburg ebenso noch als heidnisch verehrte Venus von der
Kirche selbst angeben hoeren; denn allerdings sind schon die bisher von
ihr gemeldeten Zuege unkirchlich genug: der Hund an der Kette und der
Flachsfaden auf der Spindel sind ihre Orakel; ihre naechtlichen
Hoehenfeuer leuchtendem Reihentanze der Liebenden und diese werden ohne
Priester zusammen gegeben; ihr Heilbad ist der Maienthau, ihr Keiltrunk
der Maibrunnen und das frische Oel des Feldes; statt eines
Marterwerkzeuges traegt sie Garbe und Aehre, gleich ihrem Bruder Oswald.
Sie wandelt das Saatkorn in Gold, sie geht in goldnem Schuh und traegt
eine goldne Krone, sie ist selber das reifende Aehrenfeld. Ihr antikes
Abbild ist Pindars "roethlichfuessige Demeter" (Olymp. 6, 94) und die
roemische Ceres rubicunda, die in rothgelben Grannen reifende
Gerstensaat.
* * * * *
FUSSNOTEN:
[2] Der immer gleichlautende Auskuendungsspruch:
Heut zum Lehen,
Morgen zur Ehe,
Ueber ein Jahr zu einem Paar--
steht schon in Lersners Frankf. Chronik 3 B. 6 K. und wird dorten dem
von den Kaisern ausgeuebten Ehezwangsrechte unterschoben, welches von
Heinrich VII. 1232 aufgehoben worden sein soll.
* * * * *
Vierter Abschnitt.
Maiengeding und Walbernzins.
Je nach der Eintheilung des Jahres in zwei, drei oder vier Jahreszeiten
waren eben so viele Volksversammlungen (Allding), allgemeine Opferfeste
und Gerichtszeiten des Jahres anberaumt. Zu zweit auf Sommer und Winter
verlegt, hiessen die Gerichte Maigeding und Herbstgeding, nach spaeterer
christlicher Benennungsweise Walburgis und Martini. Seit den
karolingischen Kapitularien werden drei ungebotene Gerichte durchgehends
ueblich (tria generalia placita) und fallen auf Sommer (Walburgis),
Herbst (Martini), und Winter (Weihnachten). Ungebotene Gerichte hiessen
sie im Gegensatze der vom Gerichtsherrn den Unterthanen gebotenen, weil
erstere in ihrem Zusammentreffen mit gleichmaessig vorausbestimmten
Fristtagen allgemein gewusst waren und keiner vorgaengigen Ansagung
bedurften. Sie entschieden nicht bloss ueber Mein und Dein, sondern auch
ueber die Idealgueter von Freiheit und Ehre, somit ueber Krieg und Frieden,
und ihre Aussprueche waren die allgiltigen der Volkssouveraenetaet, wie sie
unsre Zeit in ihren Landsgemeinden, Staendeversammlungen und Parlamenten
anerkennt. Sie benannten sich nach Naechten, weil der Tag sich aus der
Nacht gebiert und daher der landwirthschaftliche Kalender nach Neumond
und Mondabnahme rechnet. Die Zeit der Zwoelften (Weihnachten bis
Dreikoenig) nennt man in Schwaben und dem angrenzenden Theile der Schweiz
Kloepfleinsnaechte und Nidelnaechte; in Baiern Rauch-, Loeselnaechte und
Gennachten; in Deutschboehmen Undernaechte; bei den heidnischen
Angelsachsen hiessen sie Mutternaechte. In gleicher Analogie spricht man
von Fasnacht, Rumpelnacht und der durch die Ortspolizei gewaehrten
Freinacht. So hiess denn auch das Maigericht Walburgisnacht, daenisch
noch Valdborg aften (Abend). "An sant Walipurg abent ze ingaende maien"
pflegt die Zeitbestimmung zu lauten in den Klingnauer Urkunden aus dem
14. Jahrhundert. Anfaenglich steht das Walburgsgericht noch zu Zweit mit
dem Wintergerichte zusammen, erst spaeter auch mit dem Herbstgerichte zu
Dritt. Die Offnung des Dorfgerichtes zu Sondernau von 1615 setzt
zweimaliges Jahresgericht fest, das Mertensgericht (11. Nov.) und das
Welbermael, Walburgismahlzeit am 1. Mai. Zoepfl, Alterth. des Deutsch.
Reichs und Rechts 1, 306. Dagegen sagt die Offnung des Dorfes Wettingen
(gedruckt im Wetting. Archiv 125): "Wir soellend ouch dry rechte geding
da haben, der soll eines sin vff Sannt Waldpurgen tag in Meyen acht tag
vor oder meh, das andere vff Sannt Martinstag, das dritt vff sannt
Hilarien." Dieselbe Bestimmung in dem Dinggerichte zu Dietikon und
Schlieren v.J. 1259 steht verzeichnet: Argovia 1, 78. Dabei blieb
Walburgis auch spaeter in den Staedten ein Termin der Aemter-Erneuerung;
"jerlichen zu Meyen, wann Statt und Ampt Raeth zusammen schwerend",
heisst es im Zuger Recht 1566. Hds. Sammlung der Aargau. Histor.
Gesellsch. Die Tagloehner-Ordnung von Oppenheim von 1523 bestimmt nach
derselben Frist den Beginn der Zwischenrast bei der taeglichen
Handarbeiten: "dass sich die tagloner ein stund schlafens underziehen an
iren tagarbeiten und das anheben, so der stock ein blatt ueberkompt, dass
einer ein aug domit bedecken muege, nemlich von Philipp Jacobi (1. Mai)
bis uf Margaretha (13. Juli)." Mone, Oberrhein. Ztschr. 1, 196. Im
Alterthum hatten die Gerichtsversammlungen mit Fest- und Trinkgelagen
geendet, die fuer die Verkoestigung der weither gekommenen Mannschaft
nicht zu umgehen waren. Daraus entsprang der Brauch bei den spaeteren
Land- und Markgerichten, den Gerichtsherrn und seine Leute zu
bekoestigen, den Schoeffen Trank und Speise zu verabreichen und ihnen
einen Zinskuchen mit dem hineingebackenen Trinkpfenning auf den Heimweg
zu verehren. Die Kosten wurden aus den eingezogenen Bussen bestritten.
Hier folgt eine Kostenberechnung des Maiengerichtes im Fronhof zu Wolen
in den Freienaemtern, v.J. 1620, handschriftl. im Archiv Muri, Scrin. L,
I. Das Stift Muri war zu Wolen Lebens- und Untergerichtsherr; der
obergerichtliche Entscheid stand beim Landvogt zu Baden, der daher nebst
Landschreiber, Weibel und Substituten mit anwesend sein musste. Das
Stift hatte ausser in Wolen auch noch in den Doerfern Muri, Boswil und
Buenzen dieselbe Judicatur. Wie hoch sich nun die Kosten dieser hier
jaehrlich _achtmal_ wiederholten Gerichtstage fuer den Lehensherrn
beliefen, zeigt folgendes Aktenstueck.
Rechnung was Ao. 1620 im Meyengricht zu Wollen verzert und
verbrucht worden. Dass mal vnd Abentrunk 23 Gld. 38
Sch.--Ueberzehrung ob Ihr Herren verritten 2 Gld. 10 Sch.--Durch die
HHn. Landvogt, Landschryber, ire Diener, Pfarer vnd Weibel am
Nachtmal verzert 3 Gld. 10 Sch.--fuer Hoeuw vnd Haber ueber Nacht
1 Gld. 8 Sch.--Hrn. Landvogt Braemen v. Zuerich verehrt an einem
Goldstuck 14 Gld. 2 Pf.--Sinem Diener 1 Kronen.--Hn. Landschryber
Zur Louben an einer Spanischen Dublon 7 Gld. 1 Pf.--Sinem
Substituten 1 Gld.--In die Kuchj 1 Gld. Summa 55 Gld. 36 Sch.
Alterthuemlich und von naiver Umstaendlichkeit waren die Braeuche, unter
denen die Ortschaften jeweilen ihren Zins zu ueberbringen hatten.
Der Walpertszins musste vom hessischen Dorfe Salzberg am Knuetl
alljaehrlich am Walburgistag zu Buchenau in Betrag von sechs Hellern
alter hessischer Muenze bezahlt werden. Der Gemeindemann, der ihn
ueberbrachte, hiess das Walpertsmaennlein. Er musste des Morgens frueh
Schlag sechs Uhr in Buchenau eintreffen und auf einem besondern Stein an
der Schlossbruecke sich niedersetzen. Verspaetete er sich, so verdoppelte
sich progressiv mit jeder Stunde der Zins, am Abend haette ihn die ganze
Gemeinde nicht mehr zu zahlen vermocht. Vorsichtshalber schickte daher
die Gemeinde stets zwei Abgeordnete zusammen ab. Hatte das
Walpertsmaennchen seine sechs Heller im Schloss bezahlt, so wurde es nach
Vorschrift hier drei Tage lang bewirthet. Schlief es waehrend dieser Zeit
nicht ein, so waren die Zinsherren verpflichtet, es lebenslaenglich zu
verpflegen; geschah jedoch das Gegentheil, so wurde es augenblicklich
aus dem Schlosse hinausgeschafft. Schon an dreihundert Jahre war diese
Zinszahlung im Gebrauche und bestand noch im Anfange dieses
Jahrhunderts. Lynker, Hess. Sag. no. 338. Grimm RA. 388. Dies war der
sg. Rutscherzins, welcher, wenn an vorbestimmter Tages- und Stundenfrist
abzutragen verabsaeumt, nach Tagen und Stunden wuchs. Blieb der
Braunschweigische Maigassenzins, der nur 3 Mgr. 2 Pf. betrug, am
Zinstage aus, so verdoppelte er sich von Tag zu Tag. Im Dorfe Schernberg
hatte man ihn auf Philipp-Jacobi Mann fuer Mann auf einen breiten Stein
unter freiem Himmel zu erlegen, wer sich hier um eine weitere Stunde zu
spaet einstellte, bezahlte ihn je doppelt und dreifach. (Grimm ibid.).
Aber auch dabei kamen dem Verspaeteten noch mancherlei kleine Hilfsmittel
zu gut, welche gesetzlich erlaubt waren und ihn der drohenden Busse
wieder enthoben. Dass der Zinsende nach Herkommen ein Gegengeschenk
erhielt, welches mit der Zeit fuer ganze Gemeinden zu nicht
unbetraechtlichen Nutzniessungen sich gestaltete, lehren folgende Braeuche
und Sagen.
Walperherren hiessen vormals die vier Rathsmeister Erfurts, die jaehrlich
an Walburgis nach altem Rechte hinaus in den Wald Wagweide zogen,
welcher dem Churfuersten von Mainz zugehoerte, und sich 4 Eichen schlugen.
Gleichzeitig kam dann saemmtliche Buergerschaft ihnen dahin nach und hielt
in dem fuerstlichen Schlosse ein dreitaegiges Einlager bei Musik, Tanz und
Schmauss. Heut zu Tage begeben sich schon an Walburgis Vormittag alle
hammerfuehrenden Gewerke der Stadt in jenen Wald und halten da bei Tanz
und Gesang bis tief in die Nacht aus, Bier wird faesserweise mitgefahren.
Mit Eichlaub bekraenzt singt der heimkehrende Zug:
Willst du mit nach Walpern gehn,
Willst du mit, so komm!
Dies nannte man den Gruenenmaitag. Aehnlich begeht daselbst die
Schusterzunft den gruenen Montag, welcher der erste ist nach Jacobi. Sie
bekraenzt nebst ihren Wohnhaeusern die Strassen zum Paul, zu den Predigern
und die Schuhgasse. Dies Ehrenrecht soll ihnen von Kaiser Rudolf fuer die
Tapferkeit ertheilt worden sein, mit der sie und die uebrigen
hammerfuehrenden Gewerke ein Raubschloss im Steigerwalde zerstoerten, von
dem aus die Orte des Thueringerwaldes lange belaestigt worden waren. Zwei
Knaben, mit Goldketten und anderem Geschmeide geschmueckt, pflegte man
sonst zu Pferde in der Stadt herum zu fuehren, es sollen die zwei
Soehnlein der Edelfrau jenes Schlosses gewesen sein (man benennt es
wechselnd bald Dienstberg, bald Greifenberg), die mit all ihren
Kostbarkeiten behaengt die Sieger fussfaellig um Schonung ihres Lebens
anflehten und Gnade fanden. So die Sage. Allein was in dieser die
angeblichen Raubritter geworden sind, waren urspruenglich die
Winterunholde, denen der Sommer abgewonnen wird. Denn die staedtischen
Urkunden, so sagt der Erfurt. Stadt- und Landbote v. 1846, enthalten
nichts, was dieser Geschichte einer zerstoerten Raubburg aufhelfen
koennte, wohl aber dass der Gruenenmaitag ein Ueberrest des sg.
Schwoertages ist, an welchem die Handwerker jaehrlich der vom Mainzer
Bischof neugesetzten Obrigkeit huldigen mussten. Der Bischof bestaetigte
ihnen dagegen neuerdings ihre Rechte, wofuer die Schuster dem
Schultheissen zwei Paar bunte Schuhe ueberreichten, gemacht aus dem Filz,
den die Hutmacher gleicherweise abzuliefern hatten. Berlepsch, Chron. d.
Gewerke 4, 157. Der Sinn solcher pseudohistorischer Sagen von einem
gelungenen Kriegszuge der Buerger und Bauern gegen das Herrenschloss,
oder einer militaerischen Execution gegen den Herrschaftswald ist einfach
der, dass mit dem Entrichten des Walburgiszinses oertliche Holzrechte
verbunden waren. In einem niederl. Volksliede (Uhland in Pfeiffers
Germania V.) bringt der Zinsbauer (wahrscheinlich fuer die Nutzung
ueberlassener Laendereien) seinem Lehensherrn ein Fuder Holz und zugleich
der Frau "den kuehlen Mai".
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