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PW Morning Report, January 6, 2009">The PW Morning Report, January 6, 2009
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Der Tod in Venedig by Thomas Mann



T >> Thomas Mann >> Der Tod in Venedig

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Eine widerliche Schwuele lag in den Gassen, die Luft war so dick, dass
die Gerueche, die aus Wohnungen, Laeden, Garkuechen quollen, Oeldunst,
Wolken von Parfuem und viele andere in Schwaden standen, ohne sich zu
zerstreuen. Zigarettenrauch hing an seinem Orte und entwich nur
langsam. Das Menschengeschiebe in der Enge belaestigte den
Spaziergaenger, statt ihn zu unterhalten. Je laenger er ging, desto
quaelender bemaechtigte sich seiner der abscheuliche Zustand, den die
Seeluft zusammen mit dem Scirocco hervorbringen kann, und der zugleich
Erregung und Erschlaffung ist. Peinlicher Schweiss brach ihm aus. Die
Augen versagten den Dienst, die Brust war beklommen, er fieberte, das
Blut pochte im Kopf. Er floh aus den drangvollen Geschaeftsgassen ueber
Bruecken in die Gaenge der Armen: dort behelligten ihn Bettler, und die
ueblen Ausduenstungen der Kanaele verleideten das Atmen. Auf stillem
Platz, einer jener vergessen und verwunschen anmutenden Oertlichkeiten,
die sich im Innern Venedigs finden, am Rande eines Brunnens rastend,
trocknete er die Stirn und sah ein, dass er reisen muesse.

Zum zweitenmal und nun endgueltig war es erwiesen, dass diese Stadt bei
dieser Witterung ihm hoechst schaedlich war. Eigensinniges Ausharren
erschien vernunftwidrig, die Aussicht auf ein Umschlagen des Windes
ganz ungewiss. Es galt rasche Entscheidung. Schon jetzt nach Hause
zurueckzukehren, verbot sich. Weder Sommer-noch Winterquartier war
bereit, ihn aufzunehmen. Aber nicht nur hier gab es Meer und Strand,
und anderwaerts fanden sie sich ohne die boese Zutat der Lagune und
ihres Fieberdunstes. Er erinnerte sich eines kleinen Seebades nicht
weit von Triest, das man ihm ruehmlich genannt hatte. Warum nicht
dorthin? Und zwar ohne Verzug, damit der abermalige Aufenthaltswechsel
sich noch lohne. Er erklaerte sich fuer entschlossen und stand auf. Am
naechsten Gondelhalteplatz nahm er ein Fahrzeug und liess sich durch das
truebe Labyrinth der Kanaele, unter zierlichen Marmorbalkonen hin, die
von Loewenbildern flankiert waren, um glitschige Mauerecken, vorbei an
trauernden Palastfassaden, die grosse Firmenschilder im Abfall
schaukelnden Wasser spiegelten, nach San Marco leiten. Er hatte Muehe,
dorthin zu gelangen, denn der Gondolier, der mit Spitzenfabriken und
Glasblaesereien im Bunde stand, versuchte ueberall, ihn zu Besichtigung
und Einkauf abzusetzen, und wenn die bizarre Fahrt durch Venedig
ihren Zauber zu ueben begann, so tat der beutelschneiderische
Geschaeftsgeist der gesunkenen Koenigin das seine, den Sinn wieder
verdriesslich zu ernuechtern.

Ins Hotel zurueckgekehrt, gab er noch vor dem Diner im Bureau die
Erklaerung ab, dass unvorhergesehene Umstaende ihn noetigten, morgen frueh
abzureisen. Man bedauerte, man quittierte seine Rechnung. Er speiste
und verbrachte den lauen Abend, Journale lesend, in einem
Schaukelstuhl auf der rueckwaertigen Terrasse. Bevor er zur Ruhe ging,
machte er sein Gepaeck vollkommen zur Abreise fertig.

Er schlief nicht zum besten, da der bevorstehende Wiederaufbruch ihn
beunruhigte. Als er am Morgen die Fenster oeffnete, war der Himmel
bezogen nach wie vor, aber die Luft schien frischer, und--es begann
auch schon seine Reue. War diese Kuendigung nicht ueberstuerzt und
irrtuemlich, die Handlung eines kranken und unmassgeblichen Zustandes
gewesen? Haette er sie ein wenig zurueckbehalten, haette er es, ohne so
rasch zu verzagen, auf den Versuch einer Anpassung an die
venezianische Luft oder auf Besserung des Wetters ankommen lassen, so
stand ihm jetzt, statt Hast und Last, ein Vormittag am Strande gleich
dem gestrigen bevor. Zu spaet. Nun musste er fortfahren, zu wollen, was
er gestern gewollt hatte. Er kleidete sich an und fuhr um acht Uhr zum
Fruehstueck ins Erdgeschoss hinab.

Der Buefettraum war, als er eintrat, noch leer von Gaesten. Einzelne
kamen, waehrend er sass und das Bestellte erwartete. Die Teetasse am
Munde, sah er die polnischen Maedchen nebst ihrer Begleiterin sich
einfinden; streng und morgenfrisch, mit geroeteten Augen schritten sie
zu ihrem Tisch in der Fensterecke. Gleich darauf naeherte sich ihm der
Portier mit gezogener Muetze und mahnte zum Aufbruch. Das Automobil
stehe bereit, ihn und andere Reisende nach dem Hotel "Excelsior" zu
bringen, von wo das Motorboot die Herrschaften durch den Privatkanal
der Gesellschaft zum Bahnhof befoerdern werde. Die Zeit draenge.
--Aschenbach fand, dass sie das nicht im mindesten tue. Mehr als eine
Stunde blieb bis zur Abfahrt seines Zuges. Er aergerte sich an der
Gasthofsitte, den Abreisenden vorzeitig aus dem Hause zu schaffen und
bedeutete dem Portier, dass er in Ruhe zu fruehstuecken wuensche. Der Mann
zog sich zoegernd zurueck, um nach fuenf Minuten wieder aufzutreten.
Unmoeglich, dass der Wagen laenger warte. Dann moege er fahren und seinen
Koffer mitnehmen, entgegnete Aschenbach gereizt. Er selbst wolle zur
gegebenen Zeit das oeffentliche Dampfboot benutzen und bitte, die Sorge
um sein Fortkommen ihm selber zu ueberlassen. Der Angestellte verbeugte
sich. Aschenbach, froh, die laestigen Mahnungen abgewehrt zu haben,
beendete seinen Imbiss ohne Eile, ja liess sich sogar noch vom Kellner
Tagesblaetter reichen. Die Zeit war recht knapp geworden, als er
aufstand. Es fuegte sich, dass im selben Augenblick Tadzio durch die
Glastuer hereinkam.

Er kreuzte, zum Tische der Seinen gehend, den Weg des Aufbrechenden,
schlug vor dem grauhaarigen, hochgestirnten Mann bescheiden die Augen
nieder, um sie nach seiner lieblichen Art sogleich wieder weich und
voll zu ihm aufzuschlagen und war vorueber. Adieu, Tadzio! dachte
Aschenbach. Ich sah dich kurz. Und indem er gegen seine Gewohnheit das
Gedachte wirklich mit den Lippen ausbildete und vor sich hinsprach,
fuegte er hinzu: Sei gesegnet!--Er hielt dann Abreise, verteilte
Trinkgelder, ward von dem kleinen leisen Manager im franzoesischen
Gehrock verabschiedet und verliess das Hotel zu Fuss, wie er gekommen,
um sich, gefolgt von dem Handgepaeck tragenden Hausdiener, durch die
weiss bluehende Allee quer ueber die Insel zur Dampferbruecke zu begeben.
Er erreicht sie, er nimmt Platz,--und was folgte, war eine
Leidensfahrt, kummervoll, durch alle Tiefen der Reue.

Es war die vertraute Fahrt ueber die Lagune, an San Marco vorbei, den
grossen Kanal hinauf. Aschenbach sass auf der Rundbank am Buge, den Arm
aufs Gelaender gestuetzt, mit der Hand die Augen beschattend. Die
oeffentlichen Gaerten blieben zurueck, die Piazzetta eroeffnete sich noch
einmal in fuerstlicher Anmut und ward verlassen, es kam die grosse
Flucht der Palaeste, und als die Wasserstrasse sich wendete, erschien
des Rialto praechtig gespannter Marmorbogen. Der Abschiednehmende
schaute, und seine Brust war zerrissen. Die Atmosphaere der Stadt,
diesen leis fauligen Geruch von Meer und Sumpf, den zu fliehen es ihn
so sehr gedraengt hatte,--er atmete ihn jetzt in tiefen, zaertlich
schmerzlichen Zuegen. War es moeglich, dass er nicht gewusst, nicht
bedacht hatte, wie sehr sein Herz an dem allen hing? Was heute morgen
ein halbes Bedauern, ein leiser Zweifel an der Richtigkeit seines Tuns
gewesen war, das wurde jetzt zum Harm, zum wirklichen Weh, zu einer
Seelennot, so bitter, dass sie ihm mehrmals Traenen in die Augen trieb,
und von der er sich sagte, dass er sie unmoeglich habe vorhersehen
koennen. Was er als so schwer ertraeglich, ja, zuweilen als voellig
unleidlich empfand, war offenbar der Gedanke, dass er Venedig nie
wieder sehen solle, dass dies ein Abschied fuer immer sei. Denn da sich
zum zweiten Male gezeigt hatte, dass die Stadt ihn krank mache, da er
sie zum zweiten Male jaeh zu verlassen gezwungen war, so hatte er sie
ja fortan als einen ihm unmoeglichen und verbotenen Aufenthalt zu
betrachten, dem er nicht gewachsen war und den wieder aufzusuchen
sinnlos gewesen waere. Ja, er empfand, dass, wenn er jetzt abreise,
Scham und Trotz ihn hindern muessten, die geliebte Stadt je wieder zu
sehen, der gegenueber er zweimal koerperlich versagt hatte; und dieser
Streitfall zwischen seelischer Neigung und koerperlichem Vermoegen
schien dem Alternden auf einmal so schwer und wichtig, die physische
Niederlage so schmaehlich, so um jeden Preis hintanzuhalten, dass er die
leichtfertige Ergebung nicht begriff, mit welcher er gestern, ohne
ernstlichen Kampf, sie zu tragen und anzuerkennen beschlossen hatte.

Unterdessen naehert sich das Dampfboot dem Bahnhof, und Schmerz
und Ratlosigkeit steigen bis zur Verwirrung. Die Abreise duenkt dem
Gequaelten unmoeglich, die Umkehr nicht minder. So ganz zerrissen
betritt er die Station. Es ist sehr spaet, er hat keinen Augenblick zu
verlieren, wenn er den Zug erreichen will. Er will es und will es
nicht. Aber die Zeit draengt, sie geisselt ihn vorwaerts; er eilt, sich
sein Billett zu verschaffen und sieht sich im Tumult der Halle nach
dem hier stationierten Beamten der Hotelgesellschaft um. Der Mensch
zeigt sich und meldet, der grosse Koffer sei aufgegeben. Schon
aufgegeben? Ja, bestens,--nach Como. Nach Como? Und aus einem
hastigen Hin und Her, aus zornigen Fragen und betretenen Antworten
kommt zu Tage, dass der Koffer, schon im Gepaeckbefoerderungs-Amt des
Hotels "Excelsior" zusammen mit anderer, fremder Bagage, in voellig
falsche Richtung geleitet wurde.

Aschenbach hatte Muehe, die Miene zu bewahren, die unter diesen
Umstaenden einzig begreiflich war. Eine abenteuerliche Freude, eine
unglaubliche Heiterkeit erschuetterte von innen fast krampfhaft seine
Brust. Der Angestellte stuerzte davon, um moeglicherweise den Koffer
noch anzuhalten und kehrte, wie zu erwarten gewesen, unverrichteter
Dinge zurueck. Da erklaerte denn Aschenbach, dass er ohne sein Gepaeck
nicht zu reisen wuensche, sondern umzukehren und das Wiedereintreffen
des Stueckes im Baederhotel zu erwarten entschlossen sei. Ob das
Motorboot der Gesellschaft am Bahnhof liege. Der Mann beteuerte,
es liege vor der Tuer. Er bestimmte in italienischer Suade den
Schalterbeamten, den geloesten Fahrschein zurueckzunehmen, er schwor,
dass depeschiert werden, dass nichts gespart und versaeumt werden solle,
um den Koffer in Baelde zurueckzugewinnen, und--so fand das Seltsame
statt, dass der Reisende, zwanzig Minuten nach seiner Ankunft am
Bahnhof, sich wieder im Grossen Kanal auf dem Rueckweg zum Lido sah.

Wunderlich unglaubhaftes, beschaemendes, komisch traumartiges
Abenteuer: Staetten, von denen man eben in tiefster Wehmut Abschied auf
immer genommen, vom Schicksal umgewandt und zurueckverschlagen, in
derselben Stunde noch wiederzusehen! Schaum vor dem Buge, drollig
behend zwischen Gondeln und Dampfern lavierend, schoss das kleine,
eilfertige Fahrzeug seinem Ziele zu, indes sein Passagier unter der
Maske aergerlicher Resignation die aengstlich-uebermuetige Erregung eines
entlaufenen Knaben verbarg. Noch immer, von Zeit zu Zeit, ward seine
Brust bewegt von Lachen ueber dies Missgeschick, das, wie er sich sagte,
ein Sonntagskind nicht gefaelliger haette heimsuchen koennen. Es waren
Erklaerungen zu geben, erstaunte Gesichter zu bestehen,--dann war, so
sagte er sich, alles wieder gut, dann war ein Unglueck verhuetet, ein
schwerer Irrtum richtig gestellt, und alles, was er im Ruecken zu
lassen geglaubt hatte, eroeffnete sich ihm wieder, war auf beliebige
Zeit wieder sein... Taeuschte ihn uebrigens die rasche Fahrt oder kam
wirklich zum Ueberfluss der Wind nun dennoch vom Meere her?

Die Wellen schlugen gegen die betonierten Waende des schmalen Kanals,
der durch die Insel zum Hotel "Excelsior" gelegt ist. Ein automobiler
Omnibus erwartete dort den Wiederkehrenden und fuehrte ihn oberhalb des
gekraeuselten Meeres auf geradem Wege zum Baeder-Hotel. Der kleine
schnurrbaertige Manager im geschweiften Gehrock kam zur Begruessung die
Freitreppe herab.

Leise schmeichelnd bedauerte er den Zwischenfall, nannte ihn aeusserst
peinlich fuer ihn und das Institut, billigte aber mit Ueberzeugung
Aschenbachs Entschluss, das Gepaeckstueck hier zu erwarten. Freilich sei
sein Zimmer vergeben, ein anderes jedoch, nicht schlechter, sogleich
zur Verfuegung. "Pas de chance, monsieur", sagte der schweizerische
Liftfuehrer laechelnd, als man hinaufglitt. Und so wurde der Fluechtling
wieder einquartiert, in einem Zimmer, das dem vorigen nach Lage und
Einrichtung fast vollkommen glich.

Ermuedet, betaeubt von dem Wirbel dieses seltsamen Vormittags, liess er
sich, nachdem er den Inhalt seiner Handtasche im Zimmer verteilt, in
einem Lehnstuhl am offenen Fenster nieder. Das Meer hatte eine
blassgruene Faerbung angenommen, die Luft schien duenner und reiner, der
Strand mit seinen Huetten und Booten farbiger, obgleich der Himmel noch
grau war. Aschenbach blickte hinaus, die Haende im Schoss gefaltet,
zufrieden, wieder hier zu sein, kopfschuettelnd unzufrieden ueber seinen
Wankelmut, seine Unkenntnis der eigenen Wuensche. So sass er wohl eine
Stunde, ruhend und gedankenlos traeumend. Um Mittag erblickte er
Tadzio, der in gestreiftem Leinenanzug mit roter Masche, vom Meere
her, durch die Strandsperre und die Bretterwege entlang zum Hotel
zurueckkehrte. Aschenbach erkannte ihn aus seiner Hoehe sofort, bevor er
ihn eigentlich ins Auge gefasst, und wollte etwas denken, wie: "Sieh,
Tadzio, da bist ja auch du wieder!" Aber im gleichen Augenblick fuehlte
er, wie der laessige Gruss vor der Wahrheit seines Herzens hinsank und
verstummte,--fuehlte die Begeisterung seines Blutes, die Freude, den
Schmerz seiner Seele und erkannte, dass ihm um Tadzios willen der
Abschied so schwer geworden war.

Er sass ganz still, ganz ungesehen an seinem hohen Platze und blickte
in sich hinein. Seine Zuege waren erwacht, seine Brauen stiegen, ein
aufmerksames, neugierig geistreiches Laecheln spannte seinen Mund. Dann
hob er den Kopf und beschrieb mit beiden, schlaff ueber die Lehne des
Sessels hinabhaengenden Armen eine langsam drehende und hebende
Bewegung, die Handflaechen vorwaerts kehrend, so, als deute er ein
Oeffnen und Ausbreiten der Arme an. Es war eine bereitwillig willkommen
heissende, gelassen aufnehmende Gebaerde.




Viertes Kapitel


Nun lenkte Tag fuer Tag der Gott mit den hitzigen Wangen nackend sein
gluthauchendes Viergespann durch die Raeume des Himmels und sein gelbes
Gelock flatterte im zugleich ausstuermenden Ostwind. Weisslich seidiger
Glanz lag auf den Weiten des traege wallenden Pontos. Der Sand gluehte.
Unter der silbrig flirrenden Blaeue des Aethers waren rostfarbene
Segeltuecher vor den Strandhuetten ausgespannt, und auf dem scharf
umgrenzten Schattenfleck, den sie boten, verbrachte man die
Vormittagsstunden. Aber koestlich war auch der Abend, wenn die Pflanzen
des Parks balsamisch dufteten, die Gestirne droben ihren Reigen
schritten und das Murmeln des umnachteten Meeres, leise
heraufdringend, die Seele besprach. Solch ein Abend trug in sich die
freudige Gewaehr eines neuen Sonnentages von leicht geordneter Musse und
geschmueckt mit zahllosen, dicht beieinander liegenden Moeglichkeiten
lieblichen Zufalls.

Der Gast, den ein so gefuegiges Missgeschick hier festgehalten, war weit
entfernt, in der Rueckgewinnung seiner Habe einen Grund zu erneutem
Aufbruch zu sehen. Er hatte zwei Tage lang einige Entbehrung dulden
und zu den Mahlzeiten im grossen Speisesaal im Reiseanzug erscheinen
muessen. Dann, als man endlich die verirrte Last wieder in seinem
Zimmer niedersetzte, packte er gruendlich aus und fuellte Schrank und
Schubfaecher mit dem Seinen, entschlossen zu vorlaeufig unabsehbarem
Verweilen, vergnuegt, die Stunden des Strandes in seidenem Anzug
verbringen und beim Diner sich wieder in schicklicher Abendtracht an
seinem Tischchen zeigen zu koennen.

Der wohlige Gleichtakt dieses Daseins hatte ihn schon in seinen Bann
gezogen, die weiche und glaenzende Milde dieser Lebensfuehrung ihn rasch
berueckt. Welch ein Aufenthalt in der Tat, der die Reize eines
gepflegten Badelebens an suedlichem Strande mit der traulich bereiten
Naehe der wunderlich-wundersamen Stadt verbindet! Aschenbach liebte
nicht den Genuss. Wann immer und wo es galt, zu feiern, der Ruhe zu
pflegen, sich gute Tage zu machen, verlangte ihn bald--und namentlich
in juengeren Jahren war dies so gewesen--mit Unruhe und Widerwillen
zurueck in die hohe Muehsal, den heilig nuechternen Dienst seines
Alltags. Nur dieser Ort verzauberte ihn, entspannte sein Wollen,
machte ihn gluecklich. Manchmal vormittags, unter dem Schattentuch
seiner Huette, hintraeumend ueber die Blaeue des Suedmeers, oder bei lauer
Nacht auch wohl, gelehnt in die Kissen der Gondel, die ihn vom
Markusplatz, wo er sich lange verweilt, unter dem gross gestirnten
Himmel heimwaerts zum Lido fuehrte--und die bunten Lichter, die
schmelzenden Klaenge der Serenade blieben zurueck,--erinnerte er sich
seines Landsitzes in den Bergen, der Staette seines sommerlichen
Ringens, wo die Wolken tief durch den Garten zogen, fuerchterliche
Gewitter am Abend das Licht des Hauses loeschten und die Raben, die er
fuetterte, sich in den Wipfeln der Fichten schwangen. Dann schien es
ihm wohl, als sei er entrueckt ins elysische Land, an die Grenzen der
Erde, wo leichtestes Leben den Menschen beschert ist, wo nicht Schnee
ist und Winter noch Sturm und stroemender Regen, sondern immer sanft
kuehlenden Anhauch Okeanos aufsteigen laesst und in seliger Musse die Tage
verrinnen, muehelos, kampflos und ganz nur der Sonne und ihren Festen
geweiht.

Viel, fast bestaendig sah Aschenbach den Knaben Tadzio; ein
beschraenkter Raum, eine jedem gegebene Lebensordnung brachten es mit
sich, dass der Schoene ihm tagueber mit kurzen Unterbrechungen nahe war.
Er sah, er traf ihn ueberall: in den unteren Raeumen des Hotels, auf den
kuehlenden Wasserfahrten zur Stadt und von dort zurueck, im Gepraenge des
Platzes selbst und oft noch zwischenein auf Wegen und Stegen, wenn der
Zufall ein Uebriges tat. Hauptsaechlich aber und mit der gluecklichsten
Regelmaessigkeit bot ihm der Vormittag am Strande ausgedehnte
Gelegenheit, der holden Erscheinung Andacht und Studium zu widmen. Ja,
diese Gebundenheit des Glueckes, diese taeglich-gleichmaessig wieder
anbrechende Gunst der Umstaende war es so recht, was ihn mit
Zufriedenheit und Lebensfreude erfuellte, was ihm den Aufenthalt teuer
machte und einen Sonnentag so gefaellig hinhaltend sich an den anderen
reihen liess.

Er war frueh auf, wie sonst wohl bei pochendem Arbeitsdrange, und vor
den meisten am Strand, wenn die Sonne noch milde war und das Meer weiss
blendend in Morgentraeumen lag. Er gruesste menschenfreundlich den
Waechter der Sperre, gruesste auch vertraulich den barfuessigen Weissbart,
der ihm die Staette bereitet, das braune Schattentuch ausgespannt, die
Moebel der Huette hinaus auf die Plattform gerueckt hatte, und liess sich
nieder. Drei Stunden oder vier waren dann sein, in denen die Sonne zur
Hoehe stieg und furchtbare Macht gewann, in denen das Meer tiefer und
tiefer blaute und in denen er Tadzio sehen durfte.

Er sah ihn kommen, von links, am Rande des Meeres daher, sah ihn von
rueckwaerts zwischen den Huetten hervortreten oder fand auch wohl
ploetzlich und nicht ohne ein frohes Erschrecken, dass er sein Kommen
versaeumt und dass er schon da war, schon in dem blau und weissen
Badeanzug, der jetzt am Strand seine einzige Kleidung war, sein
gewohntes Treiben in Sonne und Sand wieder aufgenommen hatte,--dies
lieblich nichtige, muessig unstete Leben, das Spiel war und Ruhe, ein
Schlendern, Waten, Graben, Haschen, Lagern und Schwimmen, bewacht,
berufen von den Frauen auf der Plattform, die mit Kopfstimmen seinen
Namen ertoenen liessen: "Tadziu! Tadziu!" und zu denen er mit eifrigem
Gebaerdenspiel gelaufen kam, ihnen zu erzaehlen, was er erlebt, ihnen
zu zeigen, was er gefunden, gefangen: Muscheln, Seepferdchen, Quallen
und seitlich laufende Krebse. Aschenbach verstand nicht ein Wort von
dem, was er sagte, und mochte es das Alltaeglichste sein, es war
verschwommener Wohllaut in seinem Ohr. So erhob Fremdheit des Knaben
Rede zur Musik, eine uebermuetige Sonne goss verschwenderischen Glanz
ueber ihn aus, und die erhabene Tiefsicht des Meeres war immer seiner
Erscheinung Folie und Hintergrund.

Bald kannte der Betrachtende jede Linie und Pose dieses so gehobenen,
so frei sich darstellenden Koerpers, begruesste freudig jede schon
vertraute Schoenheit aufs Neue und fand der Bewunderung, der zarten
Sinneslust kein Ende. Man rief den Knaben, einen Gast zu begruessen, der
den Frauen bei der Huette aufwartete; er lief herbei, lief nass
vielleicht aus der Flut, er warf die Locken, und indem er die Hand
reichte, auf einem Beine ruhend, den anderen Fuss auf die Zehenspitzen
gestellt, hatte er eine reizende Drehung und Wendung des Koerpers,
anmutig spannungsvoll, verschaemt aus Liebenswuerdigkeit, gefallsuechtig
aus adeliger Pflicht. Er lag ausgestreckt, das Badetuch um die Brust
geschlungen, den zart gemeisselten Arm in den Sand gestuetzt, das Kinn
in der hohlen Hand; der, welcher "Jaschu" gerufen wurde, sass kauernd
bei ihm und tat ihm schoen, und nichts konnte bezaubernder sein, als
das Laecheln der Augen und Lippen, mit dem der Ausgezeichnete zu dem
Geringeren, Dienenden aufblickte. Er stand am Rande der See, allein,
abseits von den Seinen, ganz nahe bei Aschenbach,--aufrecht, die Haende
im Nacken verschlungen, langsam sich auf den Fussballen schaukelnd, und
traeumte ins Blaue, waehrend kleine Wellen, die anliefen, seine Zehen
badeten. Sein honigfarbenes Haar schmiegte sich in Ringeln an die
Schlaefen und in den Nacken, die Sonne erleuchtete den Flaum des oberen
Rueckgrates, die feine Zeichnung der Rippen, das Gleichmass der Brust
traten durch die knappe Umhuellung des Rumpfes hervor, seine
Achselhoehlen waren noch glatt wie bei einer Statue, seine Kniekehlen
glaenzten, und ihr blaeuliches Geaeder liess seinen Koerper wie aus
klarerem Stoffe gebildet erscheinen. Welch eine Zucht, welche
Praezision des Gedankens war ausgedrueckt in diesem gestreckten und
jugendlich vollkommenen Leibe! Der strenge und reine Wille jedoch,
der, dunkel taetig, dies goettliche Bildwerk ans Licht zu treiben
vermocht hatte,--war er nicht ihm, dem Kuenstler, bekannt und vertraut?
Wirkte er nicht auch in ihm, wenn er, besonnener Leidenschaft voll,
aus der Marmormasse der Sprache die schlanke Form befreite, die er im
Geiste geschaut und die er als Standbild und Spiegel geistiger
Schoenheit den Menschen darstellte?

Standbild und Spiegel! Seine Augen umfassten die edle Gestalt dort am
Rande des Blauen, und in aufschwaermendem Entzuecken glaubte er mit
diesem Blick das Schoene selbst zu begreifen, die Form als
Gottesgedanken, die eine und reine Vollkommenheit, die im Geiste lebt
und von der ein menschliches Abbild und Gleichnis hier leicht und hold
zur Anbetung aufgerichtet war. Das war der Rausch; und unbedenklich,
ja gierig, hiess der alternde Kuenstler ihn willkommen. Sein Geist
kreiste, seine Bildung geriet ins Wallen, sein Gedaechtnis warf uralte,
seiner Jugend ueberlieferte und bis dahin niemals von eigenem Feuer
belebte Gedanken auf. Stand nicht geschrieben, dass die Sonne unsere
Aufmerksamkeit von den intellektuellen auf die sinnlichen Dinge
wendet? Sie betaeube und bezaubere, hiess es, Verstand und Gedaechtnis,
dergestalt, dass die Seele vor Vergnuegen ihres eigentlichen Zustandes
ganz vergesse und mit staunender Bewunderung an dem schoensten der
besonnten Gegenstaende haengen bleibe: ja, nur mit Huelfe eines Koerpers
vermoege sie dann noch zu hoeherer Betrachtung sich zu erheben. Amor
fuerwahr tat es den Mathematikern gleich, die unfaehigen Kindern
greifbare Bilder der reinen Formen vorzeigen: So auch bediente der
Gott sich, um uns das Geistige sichtbar zu machen, gern der Gestalt
und Farbe menschlicher Jugend, die er zum Werkzeug der Erinnerung mit
allem Abglanz der Schoenheit schmueckte und bei deren Anblick wir dann
wohl in Schmerz und Hoffnung entbrannten.

So dachte der Enthusiasmierte; so vermochte er zu empfinden. Und aus
Meerrausch und Sonnenglast spann sich ihm ein reizendes Bild.
Es war die alte Platane unfern den Mauern Athens,--war jener
heilig-schattige, vom Dufte der Kirschbaumblueten erfuellte Ort, den
Weihbilder und fromme Gaben schmueckten zu Ehren der Nymphen und des
Acheloos. Ganz klar fiel der Bach zu Fuessen des breitgeaesteten Baums
ueber glatte Kiesel; die Grillen geigten. Auf dem Rasen aber, der sanft
abfiel, so, dass man im Liegen den Kopf hoch halten konnte, lagerten
Zwei, geborgen hier vor der Glut des Tages: ein Aeltlicher und ein
Junger, ein Haesslicher und ein Schoener, der Weise beim Liebenswuerdigen.
Und unter Artigkeiten und geistreich werbenden Scherzen belehrte
Sokrates den Phaidros ueber Sehnsucht und Tugend. Er sprach ihm von dem
heissen Erschrecken, das der Fuehlende leidet, wenn sein Auge ein
Gleichnis der ewigen Schoenheit erblickt; sprach ihm von den Begierden
des Weihelosen und Schlechten, der die Schoenheit nicht denken kann,
wenn er ihr Abbild sieht, und der Ehrfurcht nicht faehig ist; sprach
von der heiligen Angst, die den Edlen befaellt, wenn ein gottgleiches
Antlitz, ein vollkommener Leib ihm erscheint, er dann aufbebt und
ausser sich ist und hinzusehen sich kaum getraut und den verehrt, der
die Schoenheit hat, ja, ihm opfern wuerde, wie einer Bildsaeule, wenn er
nicht fuerchten muesste, den Menschen naerrisch zu scheinen. Denn die
Schoenheit, mein Phaidros, nur sie, ist liebenswuerdig und sichtbar
zugleich: sie ist, merke das wohl! die einzige Form des Geistigen,
welche wir sinnlich empfangen, sinnlich ertragen koennen. Oder was
wuerde aus uns, wenn das Goettliche sonst, wenn Vernunft und Tugend und
Wahrheit uns sinnlich erscheinen wollten? Wuerden wir nicht vergehen
und verbrennen vor Liebe, wie Semele einstmals vor Zeus? So ist die
Schoenheit der Weg des Fuehlenden zum Geiste,--nur der Weg, ein Mittel
nur, kleiner Phaidros... Und dann sprach er das Feinste aus, der
verschlagene Hofmacher: Dies, dass der Liebende goettlicher sei, als der
Geliebte, weil in jenem der Gott sei nicht aber im andern,--diesen
zaertlichsten, spoettischsten Gedanken vielleicht, der jemals gedacht
ward, und dem alle Schalkheit und heimlichste Wollust der Sehnsucht
entspringt. Glueck des Schriftstellers ist der Gedanke, der ganz
Gefuehl, ist das Gefuehl, das ganz Gedanke zu werden vermag. Solch ein
pulsender Gedanke, solch genaues Gefuehl gehoerte und gehorchte dem
Einsamen damals: naemlich, dass die Natur vor Wonne erschaure, wenn der
Geist sich huldigend vor der Schoenheit neige. Er wuenschte ploetzlich,
zu schreiben. Zwar liebt Eros, heisst es, den Muessiggang, und fuer
solchen nur ist er geschaffen. Aber an diesem Punkte der Krisis war
die Erregung des Heimgesuchten auf Produktion gerichtet. Fast
gleichgueltig der Anlass. Eine Frage, eine Anregung, ueber ein gewisses
grosses und brennendes Problem der Kultur und des Geschmackes sich
bekennend vernehmen zu lassen, war in die geistige Welt ergangen und
bei dem Verreisten eingelaufen. Der Gegenstand war ihm gelaeufig, war
ihm Erlebnis; sein Geluest, ihn im Licht seines Wortes erglaenzen zu
lassen, auf einmal unwiderstehlich. Und zwar ging sein Verlangen
dahin, in Tadzios Gegenwart zu arbeiten, beim Schreiben den Wuchs des
Knaben zum Muster zu nehmen, seinen Stil den Linien dieses Koerpers
folgen zu lassen, der ihm goettlich schien, und seine Schoenheit ins
Geistige zu tragen, wie der Adler einst den troischen Hirten zum Aether
trug. Nie hatte er die Lust des Wortes suesser empfunden, nie so gewusst,
dass Eros im Worte sei, wie waehrend der gefaehrlich koestlichen Stunden,
in denen er, an seinem rohen Tische unter dem Schattentuch, im
Angesicht des Idols und die Musik seiner Stimme im Ohr, nach Tadzios
Schoenheit seine kleine Abhandlung,--jene anderthalb Seiten erlesener
Prosa formte, deren Lauterkeit, Adel und schwingende Gefuehlsspannung
binnen kurzem die Bewunderung vieler erregen sollte. Es ist sicher
gut, dass die Welt nur das schoene Werk, nicht auch seine Urspruenge,
nicht seine Entstehungsbedingungen kennt; denn die Kenntnis der
Quellen, aus denen dem Kuenstler Eingebung floss, wuerde sie oftmals
verwirren, abschrecken und so die Wirkungen des Vortrefflichen
aufheben. Sonderbare Stunden! Sonderbar entnervende Muehe! Seltsam
zeugender Verkehr des Geistes mit einem Koerper! Als Aschenbach seine
Arbeit verwahrte und vom Strande aufbrach, fuehlte er sich erschoepft,
ja zerruettet, und ihm war, als ob sein Gewissen wie nach einer
Ausschweifung Klage fuehre.

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