Der Tod in Venedig by Thomas Mann
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Es war am folgenden Morgen, dass er, im Begriff das Hotel zu verlassen,
von der Freitreppe aus gewahrte, wie Tadzio, schon unterwegs zum
Meere--und zwar allein,--sich eben der Strandsperre naeherte. Der
Wunsch, der einfache Gedanke, die Gelegenheit zu nutzen und mit dem,
der ihm unwissentlich so viel Erhebung und Bewegung bereitet, leichte,
heitere Bekanntschaft zu machen, ihn anzureden, sich seiner Antwort,
seines Blickes zu erfreuen, lag nahe und draengte sich auf. Der Schoene
ging schlendernd, er war einzuholen, und Aschenbach beschleunigte
seine Schritte. Er erreicht ihn auf dem Brettersteig hinter den
Huetten, er will ihm die Hand aufs Haupt, auf die Schulter legen und
irgend ein Wort, eine freundliche franzoesische Phrase schwebt ihm auf
den Lippen: da fuehlt er, dass sein Herz, vielleicht auch vom schnellen
Gang, wie ein Hammer schlaegt, dass er, so knapp bei Atem, nur gepresst
und bebend wird sprechen koennen; er zoegert, er sucht sich zu
beherrschen, er fuerchtet ploetzlich, schon zu lange dicht hinter dem
Schoenen zu gehen, fuerchtet sein Aufmerksamwerden, sein fragendes
Umschauen, nimmt noch einen Anlauf, versagt, verzichtet und geht
gesenkten Hauptes vorueber.
Zu spaet! dachte er in diesem Augenblick. Zu spaet! Jedoch war es zu
spaet? Dieser Schritt, den zu tun er versaeumte, er haette sehr
moeglicherweise zum Guten, Leichten und Frohen, zu heilsamer
Ernuechterung gefuehrt. Allein es war wohl an dem, dass der Alternde die
Ernuechterung nicht wollte, dass der Rausch ihm zu teuer war. Wer
entraetselt Wesen und Gepraege des Kuenstlertums! Wer begreift die tiefe
Instinktverschmelzung von Zucht und Zuegellosigkeit, worin es beruht!
Denn heilsame Ernuechterung nicht wollen zu koennen, ist Zuegellosigkeit.
Aschenbach war zur Selbstkritik nicht mehr aufgelegt; der Geschmack,
die geistige Verfassung seiner Jahre, Selbstachtung, Reife und spaete
Einfachheit machten ihn nicht geneigt, Beweggruende zu zergliedern und
zu entscheiden, ob er aus Gewissen, ob aus Liederlichkeit und Schwaeche
sein Vorhaben nicht ausgefuehrt habe. Er war verwirrt, er fuerchtete,
dass irgend jemand, wenn auch der Strandwaechter nur, seinen Lauf, seine
Niederlage beobachtet haben moechte, fuerchtete sehr die Laecherlichkeit.
Im uebrigen scherzte er bei sich selbst ueber seine komisch-heilige
Angst. "Bestuerzt", dachte er, "bestuerzt wie ein Hahn, der angstvoll
seine Fluegel im Kampfe haengen laesst. Das ist wahrlich der Gott, der
beim Anblick des Liebenswuerdigen so unseren Mut bricht und unsern
stolzen Sinn so gaenzlich zu Boden drueckt..." Er spielte, schwaermte und
war viel zu hochmuetig, um ein Gefuehl zu fuerchten.
Schon ueberwachte er nicht mehr den Ablauf der Mussezeit, die er sich
selber gewaehrt; der Gedanke an Heimkehr beruehrte ihn nicht einmal. Er
hatte sich reichlich Geld verschrieben. Seine Besorgnis galt einzig
der moeglichen Abreise der polnischen Familie; doch hatte er unter der
Hand, durch beilaeufige Erkundigung beim Coiffeur des Hotels, erfahren,
dass diese Herrschaften ganz kurz vor seiner eigenen Ankunft hier
abgestiegen seien. Die Sonne braeunte ihm Antlitz und Haende, der
erregende Salzhauch staerkte ihn zum Gefuehl, und wie er sonst jede
Erquickung, die Schlaf, Nahrung oder Natur ihm gespendet, sogleich an
ein Werk zu verausgaben gewohnt war, so liess er nun alles, was Sonne,
Musse und Meerluft ihm an taeglicher Kraeftigung zufuehrten,
hochherzig-unwirtschaftlich aufgehen in Rausch und Empfindung.
Sein Schlaf war fluechtig; die koestlich einfoermigen Tage waren getrennt
durch kurze Naechte voll gluecklicher Unruhe. Zwar zog er sich zeitig
zurueck, denn um neun Uhr, wenn Tadzio vom Schauplatz verschwunden war,
schien der Tag ihm beendet. Aber ums erste Morgengrauen weckte ihn ein
zart durchdringendes Erschrecken, sein Herz erinnerte sich seines
Abenteuers, es litt ihn nicht mehr in den Kissen, er erhob sich, und
leicht eingehuellt gegen die Schauer der Fruehe setzte er sich ans
offene Fenster, den Aufgang der Sonne zu erwarten. Das wundervolle
Ereignis erfuellte seine vom Schlafe geweihte Seele mit Andacht. Noch
lagen Himmel, Erde und Meer in geisterhaft glasiger Daemmerblaesse; noch
schwamm ein vergehender Stern im Wesenlosen. Aber ein Wehen kam, eine
beschwingte Kunde von unnahbaren Wohnplaetzen, dass Eos sich von der
Seite des Gatten erhebe, und jenes erste, suesse Erroeten der fernsten
Himmels-und Meeresstriche geschah, durch welches das Sinnlichwerden
der Schoepfung sich anzeigt. Die Goettin nahte, die
Juenglingsentfuehrerin, die den Kleitos, den Kephalos raubte und dem
Neide aller Olympischen trotzend die Liebe des schoenen Orion genoss.
Ein Rosenstreuen begann da am Rande der Welt, ein unsaeglich holdes
Scheinen und Bluehen, kindliche Wolken, verklaert, durchleuchtet,
schwebten gleich dienenden Amoretten im rosigen, blaeulichen Duft,
Purpur fiel auf das Meer, das ihn wallend vorwaerts zu schwemmen
schien, goldene Speere zuckten von unten zur Hoehe des Himmels hinauf,
der Glanz ward zum Brande, lautlos, mit goettlicher Uebergewalt waelzten
sich Glut und Brunst und lodernde Flammen herauf, und mit raffenden
Hufen stiegen des Bruders heilige Renner ueber den Erdkreis empor.
Angestrahlt von der Pracht des Gottes sass der Einsam-Wache, er schloss
die Augen und liess von der Glorie seine Lider kuessen. Ehemalige
Gefuehle, fruehe, koestliche Drangsale des Herzens, die im strengen
Dienst seines Lebens erstorben waren und nun so sonderbar gewandelt
zurueckkehrten,--er erkannte sie mit verwirrtem, verwundertem Laecheln.
Er sann, er traeumte, langsam bildeten seine Lippen einen Namen, und
noch immer laechelnd, mit aufwaerts gekehrtem Antlitz, die Haende im
Schoesse gefaltet, entschlummerte er in seinem Sessel noch einmal.
Aber der Tag, der so feurig-festlich begann, war im ganzen seltsam
gehoben und mythisch verwandelt. Woher kam und stammte der Hauch, der
auf einmal so sanft und bedeutend, hoeherer Einfluesterung gleich,
Schlaefe und Ohr umspielte? Weisse Federwoelkchen standen in verbreiteten
Scharen am Himmel, gleich weidenden Herden der Goetter. Staerkerer Wind
erhob sich, und die Rosse Poseidons liefen, sich baeumend, daher,
Stiere auch wohl, dem Blaeulichgelockten gehoerig, welche mit Bruellen
anrennend die Hoerner senkten. Zwischen dem Felsengeroell des
entfernteren Strandes jedoch huepften die Wellen empor als springende
Ziegen. Eine heilig entstellte Welt voll panischen Lebens schloss den
Berueckten ein, und sein Herz traeumte zarte Fabeln. Mehrmals, wenn
hinter Venedig die Sonne sank, sass er auf einer Bank im Park, um
Tadzio zuzuschauen, der sich, weiss gekleidet und farbig geguertet, auf
dem gewalzten Kiesplatz mit Ballspiel vergnuegte, und Hyakinthos war
es, den er zu sehen glaubte, und der sterben musste, weil zwei Goetter
ihn liebten. Ja, er empfand Zephyrs schmerzenden Neid auf den
Nebenbuhler, der des Orakels, des Bogens und der Kithara vergass, um
immer mit dem Schoenen zu spielen; er sah die Wurfscheibe, von
grausamer Eifersucht gelenkt, das liebliche Haupt treffen, er empfing,
erblassend auch er, den geknickten Leib, und die Blume, dem suessen
Blute entsprossen, trug die Inschrift seiner unendlichen Klage...
Seltsamer, heikler ist nichts als das Verhaeltnis von Menschen, die
sich nur mit den Augen kennen,--die taeglich, ja stuendlich einander
begegnen, beobachten und dabei den Schein gleichgueltiger Fremdheit
grusslos und wortlos aufrecht zu halten durch Sittenzwang oder eigene
Grille genoetigt sind. Zwischen ihnen ist Unruhe und ueberreizte
Neugier, die Hysterie eines unbefriedigten, unnatuerlich unterdrueckten
Erkenntnis-und Austauschbeduerfnisses und namentlich auch eine Art von
gespannter Achtung. Denn der Mensch liebt und ehrt den Menschen, so
lange er ihn nicht zu beurteilen vermag, und die Sehnsucht ist ein
Erzeugnis mangelhafter Erkenntnis.
Irgend eine Beziehung und Bekanntschaft musste sich notwendig ausbilden
zwischen Aschenbach und dem jungen Tadzio, und mit durchdringender
Freude konnte der Aeltere feststellen, dass Teilnahme und Aufmerksamkeit
nicht voellig unerwidert blieben. Was bewog zum Beispiel den Schoenen,
niemals mehr, wenn er morgens am Strande erschien, den Brettersteg an
der Rueckseite der Huetten zu benuetzen, sondern nur noch auf dem
vorderen Wege, durch den Sand, an Aschenbachs Wohnplatz vorbei und
manchmal unnoetig dicht an ihm vorbei, seinen Tisch, seinen Stuhl fast
streifend, zur Huette der Seinen zu schlendern? Wirkte so die
Anziehung, die Faszination eines ueberlegenen Gefuehls auf seinen zarten
und gedankenlosen Gegenstand? Aschenbach erwartete taeglich Tadzios
Auftreten, und zuweilen tat er, als sei er beschaeftigt, wenn es sich
vollzog, und liess den Schoenen scheinbar unbeachtet voruebergehen.
Zuweilen aber auch blickte er auf, und ihre Blicke trafen sich. Sie
waren beide tief ernst, wenn das geschah. In der gebildeten und
wuerdevollen Miene des Aelteren verriet nichts eine innere Bewegung;
aber in Tadzios Augen war ein Forschen, ein nachdenkliches Fragen, in
seinen Gang kam ein Zoegern, er blickte zu Boden, er blickte lieblich
wieder auf, und wenn er vorueber war, so schien ein Etwas in seiner
Haltung auszudruecken, dass nur Erziehung ihn hinderte, sich umzuwenden.
Einmal jedoch, eines Abends, begab es sich anders. Die polnischen
Geschwister hatten nebst ihrer Gouvernante bei der Hauptmahlzeit im
grossen Saale gefehlt,--mit Besorgnis hatte Aschenbach es wahrgenommen.
Er erging sich nach Tische, sehr unruhig ueber ihren Verbleib, in
Abendanzug und Strohhut vor dem Hotel, zu Fuessen der Terrasse, als er
ploetzlich die nonnenaehnlichen Schwestern mit der Erzieherin und vier
Schritte hinter ihnen Tadzio im Lichte der Bogenlampen auftauchen sah.
Offenbar kamen sie von der Dampferbruecke, nachdem sie aus irgendeinem
Grunde in der Stadt gespeist. Auf dem Wasser war es wohl kuehl gewesen;
Tadzio trug eine dunkelblaue Seemanns-Ueberjacke mit goldenen Knoepfen
und auf dem Kopf eine zugehoerige Muetze. Sonne und Seeluft verbrannten
ihn nicht, seine Hautfarbe war marmorhaft gelblich geblieben wie zu
Beginn; doch schien er blaesser heute als sonst, sei es infolge der
Kuehle oder durch den bleichenden Mondschein der Lampen. Seine
ebenmaessigen Brauen zeichneten sich schaerfer ab, seine Augen dunkelten
tief. Er war schoener, als es sich sagen laesst, und Aschenbach empfand
wie schon oftmals mit Schmerzen, dass das Wort die sinnliche Schoenheit
nur zu preisen, nicht wiederzugeben vermag.
Er war der teuren Erscheinung nicht gewaertig gewesen, sie kam
unverhofft, er hatte nicht Zeit gehabt, seine Miene zu Ruhe und Wuerde
zu befestigen. Freude, Ueberraschung, Bewunderung mochten sich offen
darin malen, als sein Blick dem des Vermissten begegnete,--und in
dieser Sekunde geschah es, dass Tadzio laechelte: ihn anlaechelte,
sprechend, vertraut, liebreizend und unverhohlen, mit Lippen, die sich
im Laecheln erst langsam oeffneten. Es war das Laecheln des Narziss, der
sich ueber das spiegelnde Wasser neigt, jenes tiefe, bezauberte,
hingezogene Laecheln, mit dem er nach dem Widerschein der eigenen
Schoenheit die Arme streckt,--ein ganz wenig verzerrtes Laecheln,
verzerrt von der Aussichtslosigkeit seines Trachtens, die holden
Lippen seines Schattens zu kuessen, kokett, neugierig und leise
gequaelt, betoert und betoerend.
Der, welcher dies Laecheln empfangen, enteilte damit wie mit einem
verhaengnisvollen Geschenk. Er war so sehr erschuettert, dass er das
Licht der Terrasse, des Vorgartens, zu fliehen gezwungen war und mit
hastigen Schritten das Dunkel des rueckwaertigen Parkes suchte.
Sonderbar entruestete und zaertliche Vermahnungen entrangen sich ihm:
"Du darfst so nicht laecheln! Hoere, man darf so niemandem laecheln!" Er
warf sich auf eine Bank, er atmete ausser sich den naechtlichen Duft der
Pflanzen. Und zurueckgelehnt, mit haengenden Armen, ueberwaeltigt und
mehrfach von Schauern ueberlaufen, fluesterte er die stehende Formel der
Sehnsucht,--unmoeglich hier, absurd, verworfen, laecherlich und heilig
doch, ehrwuerdig auch hier noch: "Ich liebe dich!"
Fuenftes Kapitel
In der vierten Woche seines Aufenthalts auf dem Lido machte Gustav von
Aschenbach einige die Aussenwelt betreffende unheimliche Wahrnehmungen.
Erstens schien es ihm, als ob bei steigender Jahreszeit die Frequenz
seines Gasthofes eher ab-als zunaehme, und, insbesondere, als ob die
deutsche Sprache um ihn her versiege und verstumme, so dass bei Tisch
und am Strand endlich nur noch fremde Laute sein Ohr trafen. Eines
Tages dann fing er beim Coiffeur, den er jetzt haeufig besuchte, im
Gespraeche ein Wort auf, das ihn stutzig machte. Der Mann hatte einer
deutschen Familie erwaehnt, die soeben nach kurzem Verweilen abgereist
war und setzte plaudernd und schmeichelnd hinzu: "Sie bleiben, mein
Herr; Sie haben keine Furcht vor dem Uebel." Aschenbach sah ihn an.
"Dem Uebel?" wiederholte er. Der Schwaetzer verstummte, tat beschaeftigt,
ueberhoerte die Frage, und als sie dringlicher gestellt ward, erklaerte
er, er wisse von nichts und suchte mit verlegener Beredsamkeit
abzulenken.
Das war um Mittag. Nachmittags fuhr Aschenbach bei Windstille und
schwerem Sonnenbrand nach Venedig; denn ihn trieb die Manie, den
polnischen Geschwistern zu folgen, die er mit ihrer Begleiterin den
Weg zur Dampferbruecke hatte einschlagen sehen. Er fand den Abgott
nicht bei San Marco. Aber beim Tee, an seinem eisernen Rundtischchen
auf der Schattenseite des Platzes sitzend, witterte er ploetzlich in
der Luft ein eigentuemliches Arom, von dem ihm jetzt schien, als habe
es schon seit Tagen, ohne ihm ins Bewusstsein zu dringen, seinen Sinn
beruehrt,--einen suesslich-offizinellen Geruch, der an Elend und Wunden
und verdaechtige Reinlichkeit erinnerte. Er pruefte und erkannte ihn
nachdenklich, beendete seinen Imbiss und verliess den Platz auf der dem
Tempel gegenueberliegenden Seite. In der Enge verstaerkte sich der
Geruch. An den Strassenecken hafteten gedruckte Anschlaege, durch welche
die Bevoelkerung wegen gewisser Erkrankungen des gastrischen Systems,
die bei dieser Witterung an der Tagesordnung seien, vor dem Genusse
von Austern und Muscheln, auch vor dem Wasser der Kanaele
stadtvaeterlich gewarnt wurde. Die beschoenigende Natur des Erlasses war
deutlich. Volksgruppen standen schweigsam auf Bruecken und Plaetzen
beisammen; und der Fremde stand spuerend und gruebelnd unter ihnen.
Einen Ladeninhaber, der zwischen Korallenschnueren und falschen
Amethyst-Geschmeiden in der Tuere seines Gewoelbes lehnte, bat er um
Auskunft ueber den fatalen Geruch. Der Mann mass ihn mit schweren Augen
und ermunterte sich hastig. "Eine vorbeugende Massregel, mein Herr!"
antwortete er mit Gebaerdenspiel. "Eine Verfuegung der Polizei, die man
billigen muss. Diese Witterung drueckt, der Scirocco ist der Gesundheit
nicht zutraeglich. Kurz, Sie verstehen,--eine vielleicht uebertriebene
Vorsicht..." Aschenbach dankte ihm und ging weiter. Auch auf dem
Dampfer, der ihn zum Lido zuruecktrug, spuerte er jetzt den Geruch des
keimbekaempfenden Mittels.
Ins Hotel zurueckgekehrt, begab er sich sogleich in die Halle zum
Zeitungstisch und hielt in den Blaettern Umschau. Er fand in den
fremdsprachigen nichts. Die heimatlichen verzeichneten Geruechte,
fuehrten schwankende Ziffern an, gaben amtliche Ableugnungen wieder und
bezweifelten deren Wahrhaftigkeit. So erklaerte sich der Abzug des
deutschen und oesterreichischen Elementes. Die Angehoerigen der uebrigen
Nationen wussten offenbar nichts, ahnten nichts, waren noch nicht
beunruhigt. "Man soll schweigen!" dachte Aschenbach erregt, indem er
die Journale auf den Tisch zurueckwarf. "Man soll das verschweigen!"
Aber zugleich fuellte sein Herz sich mit Genugtuung ueber das Abenteuer,
in welches die Aussenwelt geraten wollte. Denn der Leidenschaft ist,
wie dem Verbrechen, die gesicherte Ordnung und Wohlfahrt des Alltags
nicht gemaess, und jede Lockerung des buergerlichen Gefueges, jede
Verwirrung und Heimsuchung der Welt muss ihr willkommen sein, weil sie
ihren Vorteil dabei zu finden unbestimmt hoffen kann. So empfand
Aschenbach eine dunkle Zufriedenheit ueber die obrigkeitlich
bemaentelten Vorgaenge in den schmutzigen Gaesschen Venedigs,--dieses
schlimme Geheimnis der Stadt, das mit seinem eigensten Geheimnis
verschmolz, und an dessen Bewahrung auch ihm so sehr gelegen war. Denn
der Verliebte besorgte nichts, als dass Tadzio abreisen koennte und
erkannte nicht ohne Entsetzen, dass er nicht mehr zu leben wissen
werde, wenn das geschaehe.
Neuerdings begnuegte er sich nicht damit, Naehe und Anblick des Schoenen
der Tagesregel und dem Gluecke zu danken; er verfolgte ihn, er stellte
ihm nach. Sonntags zum Beispiel erschienen die Polen niemals am
Strande; er erriet, dass sie die Messe in San Marco besuchten, er eilte
dorthin, und aus der Glut des Platzes in die goldene Daemmerung des
Heiligtums eintretend, fand er den Entbehrten, ueber ein Betpult
gebeugt beim Gottesdienst. Dann stand er im Hintergrunde, auf
zerklueftetem Mosaikboden, inmitten knieenden, murmelnden,
kreuzschlagenden Volkes, und die gedrungene Pracht des
morgenlaendischen Tempels lastete ueppig auf seinen Sinnen. Vorn
wandelte, hantierte und sang der schwergeschmueckte Priester, Weihrauch
quoll auf, er umnebelte die kraftlosen Flaemmchen der Altarkerzen, und
in den dumpfsuessen Opferduft schien sich leise ein anderer zu mischen:
der Geruch der erkrankten Stadt. Aber durch Dunst und Gefunkel sah
Aschenbach, wie der Schoene dort vorn den Kopf wandte, ihn suchte und
ihn erblickte.
Wenn dann die Menge durch die geoeffneten Portale hinausstroemte auf den
leuchtenden, von Tauben wimmelnden Platz, verbarg sich der Betoerte in
der Vorhalle, er versteckte sich, er legte sich auf die Lauer. Er sah
die Polen die Kirche verlassen, sah, wie die Geschwister sich auf
zeremonioese Art von der Mutter verabschiedeten und wie diese sich
heimkehrend zur Piazzetta wandte; er stellte fest, dass der Schoene, die
kloesterlichen Schwestern und die Gouvernante den Weg zur Rechten durch
das Tor des Uhrturmes und in die Merceria einschlugen, und nachdem er
sie einigen Vorsprung hatte gewinnen lassen, folgte er ihnen, folgte
ihnen verstohlen auf ihrem Spaziergang durch Venedig.
Er musste stehen bleiben, wenn sie sich verweilten, musste in Garkuechen
und Hoefe fluechten, um die Umkehrenden vorueber zu lassen; er verlor
sie, suchte erhitzt und erschoepft nach ihnen ueber Bruecken und in
schmutzigen Sackgassen und erduldete Minuten toedlicher Pein, wenn er
sie ploetzlich in enger Passage, wo kein Ausweichen moeglich war, sich
entgegenkommen sah. Dennoch kann man nicht sagen, dass er litt. Haupt
und Herz waren ihm trunken, und seine Schritte folgten den Weisungen
des Daemons, dem es Lust ist, des Menschen Vernunft und Wuerde unter
seine Fuesse zu treten.
Irgendwo nahmen Tadzio und die Seinen dann wohl eine Gondel, und
Aschenbach, den, waehrend sie einstiegen, ein Vorbau, ein Brunnen
verborgen gehalten hatte, tat, kurz nachdem sie vom Ufer abgestossen,
ein Gleiches. Er sprach hastig und gedaempft, wenn er den Ruderer,
unter dem Versprechen eines reichlichen Trinkgeldes, anwies, jener
Gondel, die eben dort um die Ecke biege, unauffaellig in einigem
Abstand zu folgen; und es ueberrieselte ihn, wenn der Mensch, mit der
spitzbuebischen Erboetigkeit eines Gelegenheitsmachers, ihm in demselben
Tone versicherte, dass er bedient, dass er gewissenhaft bedient werden
solle.
So glitt und schwankte er denn, in weiche, schwarze Kissen gelehnt,
der anderen schwarzen, geschnabelten Barke nach, an deren Spur die
Passion ihn fesselte. Zuweilen entschwand sie ihm: dann fuehlte er
Kummer und Unruhe. Aber sein Fuehrer, als sei er in solchen Auftraegen
wohl geuebt, wusste ihm stets durch schlaue Manoever, durch rasche
Querfahrten und Abkuerzungen das Begehrte wieder vor Augen zu bringen.
Die Luft war still und riechend, schwer brannte die Sonne durch den
Dunst, der den Himmel schieferig faerbte. Wasser schlug glucksend gegen
Holz und Stein. Der Ruf des Gondoliers, halb Warnung, halb Gruss, ward
fernher aus der Stille des Labyrinths nach sonderbarer Uebereinkunft
beantwortet. Aus kleinen, hochliegenden Gaerten hingen Bluetendolden,
weiss und purpurn, nach Mandeln duftend, ueber morsches Gemaeuer.
Arabische Fensterumrahmungen bildeten sich im Trueben ab. Die
Marmorstufen einer Kirche stiegen in die Flut; ein Bettler, darauf
kauernd, sein Elend beteuernd, hielt seinen Hut hin und zeigte das
Weisse der Augen, als sei er blind, ein Altertumshaendler, vor seiner
Spelunke, lud den Vorueberziehenden mit kriecherischen Gebaerden zum
Aufenthalt ein, in der Hoffnung, ihn zu betruegen. Das war Venedig, die
schmeichlerische und verdaechtige Schoene,--diese Stadt, halb Maerchen,
halb Fremdenfalle, in deren fauliger Luft die Kunst einst
schwelgerisch aufwucherte und welche den Musikern Klaenge eingab, die
wiegen und buhlerisch einlullen. Dem Abenteuernden war es, als traenke
sein Auge dergleichen Ueppigkeit, als wuerde sein Ohr von solchen
Melodien umworben; er erinnerte sich auch, dass die Stadt krank sei und
es aus Gewinnsucht verheimliche, und er spaehte ungezuegelter aus nach
der voranschwebenden Gondel.
So wusste und wollte denn der Verwirrte nichts anderes mehr, als den
Gegenstand, der ihn entzuendete, ohne Unterlass zu verfolgen, von ihm
zu traeumen, wenn er abwesend war, und, nach der Weise der Liebenden,
seinem blossen Schattenbild zaertliche Worte zu geben. Einsamkeit,
Fremde und das Glueck eines spaeten und tiefen Rausches ermutigten und
ueberredeten ihn, sich auch das Befremdlichste ohne Scheu und Erroeten
durchgehen zu lassen, wie es denn vorgekommen war, dass er, spaet abends
von Venedig heimkehrend, im ersten Stock des Hotels an des Schoenen
Zimmertuer Halt gemacht, seine Stirn in voelliger Trunkenheit an die
Angel der Tuer gelehnt und sich lange von dort nicht zu trennen
vermocht hatte, auf die Gefahr, in einer so wahnsinnigen Lage ertappt
und betroffen zu werden.
Dennoch fehlte es nicht an Augenblicken des Innehaltens und der halben
Besinnung. Auf welchen Wegen! dachte er dann mit Bestuerzung. Auf
welchen Wegen! Wie jeder Mann, dem natuerliche Verdienste ein
aristokratisches Interesse fuer seine Abstammung einfloessen, war er
gewohnt, bei den Leistungen und Erfolgen seines Lebens der Vorfahren
zu gedenken, sich ihrer Zustimmung, ihrer Genugtuung, ihrer
notgedrungenen Achtung im Geiste zu versichern. Er dachte ihrer auch
jetzt und hier, verstrickt in ein so unstatthaftes Erlebnis, begriffen
in so exotischen Ausschweifungen des Gefuehls; gedachte der
haltungsvollen Strenge, der anstaendigen Maennlichkeit ihres Wesens und
laechelte schwermuetig. Was wuerden sie sagen? Aber freilich, was haetten
sie zu seinem ganzen Leben gesagt, das von dem ihren so bis zur
Entartung abgewichen war, zu diesem Leben im Banne der Kunst, ueber das
er selbst einst, im Buergersinne der Vaeter, so spoettische
Juenglingserkenntnisse hatte verlauten lassen und das dem ihren im
Grunde so aehnlich gewesen war! Auch er hatte gedient, auch er sich in
harter Zucht geuebt; auch er war Soldat und Kriegsmann gewesen, gleich
manchen von ihnen,--denn die Kunst war ein Krieg, ein aufreibender
Kampf, fuer welchen man heute nicht lange taugte. Ein Leben der
Selbstueberwindung und des Trotzdem, ein herbes, standhaftes und
enthaltsames Leben, das er zum Sinnbild fuer einen zarten und
zeitgemaessen Heroismus gestaltet hatte,--wohl durfte er es maennlich,
durfte es tapfer nennen, und es wollte ihm scheinen, als sei der Eros,
der sich seiner bemeistert, einem solchen Leben auf irgendeine Weise
besonders gemaess und geneigt. Hatte er nicht bei den tapfersten Voelkern
vorzueglich in Ansehen gestanden, ja, hiess es nicht, dass er durch
Tapferkeit in ihren Staedten geblueht habe? Zahlreiche Kriegshelden der
Vorzeit hatten willig sein Joch getragen, denn gar keine Erniedrigung
galt, die der Gott verhaengte, und Taten, die als Merkmale der Feigheit
waeren gescholten worden, wenn sie um anderer Zwecke willen geschehen
waeren: Fussfaelle, Schwuere, instaendige Bitten und sklavisches Wesen,
solche gereichten dem Liebenden nicht zur Schande, sondern er erntete
vielmehr noch Lob dafuer.
So war des Betoerten Denkweise bestimmt, so suchte er sich zu stuetzen,
seine Wuerde zu wahren. Aber zugleich wandte er bestaendig eine spuerende
und eigensinnige Aufmerksamkeit den unsauberen Vorgaengen im Innern
Venedigs zu, jenem Abenteuer der Aussenwelt, das mit dem seines Herzens
dunkel zusammenfloss und seine Leidenschaft mit unbestimmten,
gesetzlosen Hoffnungen naehrte. Versessen darauf, Neues und Sicheres
ueber Stand oder Fortschritt des Uebels zu erfahren, durchstoeberte er in
den Kaffeehaeusern der Stadt die heimatlichen Blaetter, da sie vom
Lesetisch der Hotelhalle seit mehreren Tagen verschwunden waren.
Behauptungen und Widerrufe wechselten darin. Die Zahl der
Erkrankungs-, der Todesfaelle sollte sich auf zwanzig, auf vierzig, ja
hundert und mehr belaufen, und gleich darauf wurde jedes Auftreten der
Seuche wenn nicht rundweg in Abrede gestellt, so doch auf voellig
vereinzelte, von aussen eingeschleppte Faelle zurueckgefuehrt. Warnende
Bedenken, Proteste gegen das gefaehrliche Spiel der welschen Behoerden
waren eingestreut. Gewissheit war nicht zu erlangen.
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