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PW Morning Report, January 6, 2009">The PW Morning Report, January 6, 2009
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Der Tod in Venedig by Thomas Mann



T >> Thomas Mann >> Der Tod in Venedig

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Dennoch war sich der Einsame eines besonderen Anrechtes bewusst, an dem
Geheimnis teil zu haben, und, gleichwohl ausgeschlossen, fand er eine
bizarre Genugtuung darin, die Wissenden mit verfaenglichen Fragen
anzugehen und sie, die zum Schweigen verbuendet waren, zur
ausdruecklichen Luege zu noetigen. Eines Tages beim Fruehstueck im grossen
Speisesaal stellte er so den Geschaeftsfuehrer zur Rede, jenen kleinen,
leise auftretenden Menschen im franzoesischen Gehrock, der sich
gruessend und beaufsichtigend zwischen den Speisenden bewegte und auch
an Aschenbachs Tischchen zu einigen Plauderworten Halt machte. Warum
man denn eigentlich, fragte der Gast in laessiger und beilaeufiger
Weise, warum in aller Welt, man seit einiger Zeit Venedig
desinfiziere?--"Es handelt sich", antwortete der Schleicher, "um eine
Massnahme der Polizei, bestimmt, allerlei Unzutraeglichkeiten oder
Stoerungen der oeffentlichen Gesundheit, welche durch die bruetende und
ausnehmend warme Witterung erzeugt werden moechten, pflichtgemaess und
beizeiten hintanzuhalten."--"Die Polizei ist zu loben", erwiderte
Aschenbach, und nach Austausch einiger meteorologischer Bemerkungen
empfahl sich der Manager.

Selbigen Tages noch, abends nach dem Diner, geschah es, dass eine
kleine Bande von Strassensaengern aus der Stadt sich im Vorgarten des
Gasthofes hoeren liess. Sie standen, zwei Maenner und zwei Weiber, an dem
eisernen Mast einer Bogenlampe und wandten ihre weissbeschienenen
Gesichter zur grossen Terrasse empor, wo die Kurgesellschaft sich bei
Kaffee und kuehlenden Getraenken die volkstuemliche Darbietung gefallen
liess. Das Hotelpersonal, Liftboys, Kellner und Angestellte der Office,
zeigte sich lauschend an den Tueren zur Halle. Die russische Familie,
eifrig und genau im Genuss, hatte sich Rohrstuehle in den Garten
hinabstellen lassen, um den Ausuebenden naeher zu sein, und sass dort
dankbar im Halbkreise. Hinter der Herrschaft, in turbanartigem
Kopftuch, stand ihre alte Sklavin.

Mandoline, Guitarre, Harmonika und eine quinkelierende Geige waren
unter den Haenden der Bettelvirtuosen in Taetigkeit. Mit instrumentalen
Durchfuehrungen wechselten Gesangsnummern, wie denn das juengere der
Weiber, scharf und quaekend von Stimme, sich mit dem suess
falsettierenden Tenor zu einem verlangenden Liebesduett zusammentat.
Aber als das eigentliche Talent und Haupt der Vereinigung zeigte sich
unzweideutig der andere der Maenner, Inhaber der Guitarre und im
Charakter eine Art Baryton-Buffo, fast ohne Stimme dabei, aber mimisch
begabt und von bemerkenswerter komischer Energie. Oftmals loeste er
sich, sein grosses Instrument im Arm, von der Gruppe der anderen los
und drang agierend gegen die Rampe vor, wo man seine Eulenspiegeleien
mit aufmunterndem Lachen belohnte. Namentlich die Russen, in ihrem
Parterre, zeigten sich entzueckt ueber soviel suedliche Beweglichkeit und
ermutigten ihn durch Beifall und Zurufe, immer kecker und sicherer aus
sich heraus zu gehen.

Aschenbach sass an der Balustrade und kuehlte zuweilen die Lippen mit
einem Gemisch aus Granatapfelsaft und Soda, das vor ihm rubinrot im
Glase funkelte. Seine Nerven nahmen die dudelnden Klaenge, die vulgaeren
und schmachtenden Melodien begierig auf, denn die Leidenschaft laehmt
den waehlerischen Sinn und laesst sich allen Ernstes mit Reizen ein,
welche die Nuechternheit humoristisch aufnehmen oder unwillig ablehnen
wuerde. Seine Zuege waren durch die Spruenge des Gauklers zu einem fix
gewordenen und schon schmerzenden Laecheln verrenkt. Er sass laessig da,
waehrend eine aeusserste Aufmerksamkeit sein Inneres spannte, denn sechs
Schritte von ihm lehnte Tadzio am Steingelaender.

Er stand dort in dem weissen Guertelanzug, den er zuweilen zur
Hauptmahlzeit anlegte, in unvermeidlicher und anerschaffener Grazie,
den linken Unterarm auf der Bruestung, die Fuesse gekreuzt, die rechte
Hand in der tragenden Huefte, und blickte mit einem Ausdruck, der kaum
ein Laecheln, nur eine entfernte Neugier, ein hoefliches Entgegennehmen
war, zu den Baenkelsaengern hinab. Manchmal richtete er sich gerade auf
und zog, indem er die Brust dehnte, mit einer schoenen Bewegung beider
Arme den weissen Kittel durch den Lederguertel hinunter. Manchmal aber
auch, und der Alternde gewahrte es mit Triumph, mit einem Taumeln
seiner Vernunft und auch mit Entsetzen, wandte er zoegernd und behutsam
oder auch rasch und ploetzlich, als gelte es eine Ueberrumpelung, den
Kopf ueber die linke Schulter gegen den Platz seines Liebhabers. Er
fand nicht dessen Augen, denn eine schmaehliche Besorgnis zwang den
Verwirrten, seine Blicke aengstlich im Zaum zu halten. Im Grund der
Terrasse sassen die Frauen, die Tadzio behueteten, und es war dahin
gekommen, dass der Verliebte fuerchten musste, auffaellig geworden und
beargwoehnt zu sein. Ja, mit einer Art von Erstarrung hatte er
mehrmals, am Strande, in der Hotelhalle und auf der Piazza San Marco,
zu bemerken gehabt, dass man Tadzio aus seiner Naehe zurueckrief, ihn von
ihm fernzuhalten bedacht war--und eine furchtbare Beleidigung daraus
entnehmen muessen, unter der sein Stolz sich in ungekannten Qualen
wand, und welche von sich zu weisen sein Gewissen ihn hinderte.

Unterdessen hatte der Guitarrist zu eigener Begleitung ein Solo
begonnen, einen mehrstrophigen, eben in ganz Italien florierenden
Gassenhauer, in dessen Kehrreim seine Gesellschaft jedesmal mit
Gesang und saemtlichem Musikzeug einfiel und den er auf eine
plastisch-dramatische Art zum Vortrag zu bringen wusste. Schmaechtig
gebaut und auch von Antlitz mager und ausgemergelt, stand er,
abgetrennt von den Seinen, den schaebigen Filz im Nacken, so dass ein
Wulst seines roten Haars unter der Krempe hervorquoll, in einer
Haltung von frecher Bravour auf dem Kies und schleuderte zum Schollern
der Saiten in eindringlichem Sprechgesang seine Spaesse zur Terrasse
empor, indes vor produzierender Anstrengung die Adern auf seiner
Stirne schwollen. Er schien nicht venezianischen Schlages, vielmehr
von der Rasse der neapolitanischen Komiker, halb Zuhaelter, halb
Komoediant, brutal und verwegen, gefaehrlich und unterhaltend. Sein
Lied, lediglich albern dem Wortlaut nach, gewann in seinem Munde,
durch sein Mienenspiel, seine Koerperbewegungen, seine Art, andeutend
zu blinzeln und die Zunge schluepfrig im Mundwinkel spielen zu lassen,
etwas Zweideutiges, unbestimmt Anstoessiges. Dem weichen Kragen des
Sporthemdes, das er zu uebrigens staedtischer Kleidung trug, entwuchs
sein hagerer Hals mit auffallend gross und nackt wirkendem Adamsapfel.
Sein bleiches, stumpfnaesiges Gesicht, aus dessen bartlosen Zuegen
schwer auf sein Alter zu schliessen war, schien durchpfluegt von
Grimassen und Laster, und sonderbar wollten zum Grinsen seines
beweglichen Mundes die beiden Furchen passen, die trotzig, herrisch,
fast wild zwischen seinen roetlichen Brauen standen. Was jedoch des
Einsamen tiefe Achtsamkeit eigentlich auf ihn lenkte, war die
Bemerkung, dass die verdaechtige Figur auch ihre eigene verdaechtige
Atmosphaere mit sich zu fuehren schien. Jedesmal naemlich, wenn der
Refrain wieder einsetzte, unternahm der Saenger unter Faxen und
gruessendem Handschuetteln einen grotesken Rundmarsch, der ihn
unmittelbar unter Aschenbachs Platz vorueberfuehrte, und jedesmal, wenn
das geschah, wehte, von seinen Kleidern, seinem Koerper ausgehend, ein
Schwaden starken Karbolgeruchs zur Terrasse empor.

Nach geendigtem Couplet begann er, Geld einzuziehen. Er fing bei den
Russen an, die man bereitwillig spenden sah, und kam dann die Stufen
herauf. So frech er sich bei der Produktion benommen, so demuetig
zeigte er sich hier oben. Katzbuckelnd, unter Kratzfuessen schlich er
zwischen den Tischen umher, und ein Laecheln tueckischer Unterwuerfigkeit
entbloesste seine starken Zaehne, waehrend doch immer noch die beiden
Furchen drohend zwischen seinen roten Brauen standen. Man musterte das
fremdartige, seinen Unterhalt einsammelnde Wesen mit Neugier und
einigem Abscheu, man warf mit spitzen Fingern Muenzen in seinen Filz
und huetete sich, ihn zu beruehren. Die Aufhebung der physischen Distanz
zwischen dem Komoedianten und den Anstaendigen erzeugt, und war das
Vergnuegen noch so gross, stets eine gewisse Verlegenheit. Er fuehlte sie
und suchte, sich durch Kriecherei zu entschuldigen. Er kam zu
Aschenbach und mit ihm der Geruch, ueber den niemand ringsum sich
Gedanken zu machen schien.

"Hoere!" sagte der Einsame gedaempft und fast mechanisch. "Man
desinfiziert Venedig. Warum?"--Der Spassmacher antwortete heiser: "Von
wegen der Polizei! Das ist Vorschrift, mein Herr, bei solcher Hitze
und bei Scirocco. Der Scirocco drueckt. Er ist der Gesundheit nicht
zutraeglich..." Er sprach wie verwundert darueber, dass man dergleichen
fragen koenne und demonstrierte mit der flachen Hand, wie sehr der
Scirocco druecke.--"Es ist also kein Uebel in Venedig?" fragte
Aschenbach sehr leise und zwischen den Zaehnen.--Die muskuloesen Zuege
des Possenreissers fielen in eine Grimasse komischer Ratlosigkeit. "Ein
Uebel? Aber was fuer ein Uebel? Ist der Scirocco ein Uebel? Ist
vielleicht unsere Polizei ein Uebel? Sie belieben zu scherzen! Ein
Uebel! Warum nicht gar! Eine vorbeugende Massregel, verstehen Sie doch!
Eine polizeiliche Anordnung gegen die Wirkungen der drueckenden
Witterung..." Er gestikulierte.--"Es ist gut", sagte Aschenbach
wiederum kurz und leise und liess rasch ein ungebuehrlich bedeutendes
Geldstueck in den Hut fallen. Dann winkte er dem Menschen mit den
Augen, zu gehen. Er gehorchte grinsend, unter Buecklingen; aber er
hatte noch nicht die Treppe erreicht, als zwei Hotelangestellte sich
auf ihn warfen und ihn, ihre Gesichter dicht an dem seinen, in ein
gefluestertes Kreuzverhoer nahmen. Er zuckte die Achseln, er gab
Beteuerungen, er schwor, verschwiegen gewesen zu sein; man sah es.
Entlassen, kehrte er in den Garten zurueck, und, nach einer kurzen
Verabredung mit den Seinen unter der Bogenlampe, trat er zu einem
Dank-und Abschiedsliede noch einmal vor.

Es war ein Lied, das jemals gehoert zu haben der Einsame sich nicht
erinnerte; ein dreister Schlager in unverstaendlichem Dialekt und
ausgestattet mit einem Lach-Refrain, in den die Bande regelmaessig aus
vollem Halse einfiel. Es hoerten hierbei sowohl die Worte wie auch die
Begleitung der Instrumente auf, und nichts blieb uebrig als ein
rhythmisch irgendwie geordnetes, aber sehr natuerlich behandeltes
Lachen, das namentlich der Solist mit grossem Talent zu taeuschendster
Lebendigkeit zu gestalten wusste. Er hatte bei wiederhergestelltem
kuenstlerischen Abstand zwischen ihm und den Herrschaften seine ganze
Frechheit wiedergefunden, und sein Kunstlachen, unverschaemt zur
Terrasse emporgesandt, war Hohngelaechter. Schon gegen das Ende des
artikulierten Teiles der Strophe schien er mit einem unwiderstehlichen
Kitzel zu kaempfen. Er schluchzte, seine Stimme schwankte, er presste
die Hand gegen den Mund, er verzog die Schultern, und im gegebenen
Augenblick brach, heulte und platzte das unbaendige Lachen aus ihm
hervor, mit solcher Wahrheit, dass es ansteckend wirkte und sich den
Zuhoerern mitteilte, dass auch auf der Terrasse eine gegenstandslose und
nur von sich selbst lebende Heiterkeit um sich griff. Dies aber eben
schien des Saengers Ausgelassenheit zu verdoppeln. Er beugte die Knie,
er schlug die Schenkel, er hielt sich die Seiten, er wollte sich
ausschuetten, er lachte nicht mehr, er schrie; er wies mit dem Finger
hinauf, als gaebe es nichts Komischeres, als die lachende Gesellschaft
dort oben, und endlich lachte dann alles im Garten und auf der
Veranda, bis zu den Kellnern, Liftboys und Hausdienern in den Tueren.

Aschenbach ruhte nicht mehr im Stuhl, er sass aufgerichtet wie zum
Versuche der Abwehr oder der Flucht. Aber das Gelaechter, der
heraufwehende Hospitalgeruch und die Naehe des Schoenen verwoben sich
ihm zu einem Traumbann, der unzerreissbar und unentrinnbar sein Haupt,
seinen Sinn umfangen hielt. In der allgemeinen Bewegung und
Zerstreuung wagte er es, zu Tadzio hinueberzublicken, und indem er es
tat, durfte er bemerken, dass der Schoene, in Erwiderung seines Blickes
ebenfalls ernst blieb, ganz so, als richte er Verhalten und Miene nach
der des Anderen und als vermoege die allgemeine Stimmung nichts ueber
ihn, da jener sich ihr entzog. Diese kindliche und beziehungsvolle
Folgsamkeit hatte etwas so Entwaffnendes, Ueberwaeltigendes, dass der
Grauhaarige sich mit Muehe enthielt, sein Gesicht in den Haenden zu
verbergen. Auch hatte es ihm geschienen, als bedeute Tadzios
gelegentliches Sichaufrichten und Aufatmen ein Seufzen, eine
Beklemmung der Brust. "Er ist kraenklich, er wird wahrscheinlich nicht
alt werden", dachte er wiederum mit jener Sachlichkeit, zu welcher
Rausch und Sehnsucht bisweilen sich sonderbar emanzipieren, und reine
Fuersorge zugleich mit einer ausschweifenden Genugtuung erfuellte sein
Herz.

Die Venezianer unterdessen hatten geendigt und zogen ab. Beifall
begleitete sie, und ihr Anfuehrer versaeumte nicht, noch seinen Abgang
mit Spassen auszuschmuecken. Seine Kratzfuesse, seine Kusshaende wurden
belacht, und er verdoppelte sie daher. Als die Seinen schon draussen
waren, tat er noch, als renne er rueckwaerts empfindlich gegen einen
Lampenmast und schlich scheinbar krumm vor Schmerzen zur Pforte. Dort
endlich warf er auf einmal die Maske des komischen Pechvogels ab,
richtete sich, ja schnellte elastisch auf, bleckte den Gaesten auf der
Terrasse frech die Zunge heraus und schluepfte ins Dunkel. Die
Badegesellschaft verlor sich; Tadzio stand laengst nicht mehr an der
Balustrade. Aber der Einsame sass noch lange, zum Befremden der
Kellner, bei dem Rest seines Granatapfelgetraenkes an seinem Tischchen.
Die Nacht schritt vor, die Zeit zerfiel. Im Hause seiner Eltern, vor
vielen Jahren, hatte es eine Sanduhr gegeben,--er sah das gebrechliche
und bedeutende Geraetchen auf einmal wieder, als stuende es vor ihm.
Lautlos und fein rann der rostrot gefaerbte Sand durch die glaeserne
Enge, und da er in der oberen Hoehlung zur Neige ging, hatte sich dort
ein kleiner, reissender Strudel gebildet.

Schon am folgenden Tage, nachmittags, tat der Starrsinnige einen neuen
Schritt zur Versuchung der Aussenwelt und diesmal mit allem moeglichen
Erfolge. Er trat naemlich vom Markusplatz in das dort gelegene
englische Reisebureau, und nachdem er an der Kasse einiges Geld
gewechselt, richtete er mit der Miene des misstrauischen Fremden an den
ihn bedienenden Clerk seine fatale Frage. Es war ein wollig
gekleideter Brite, noch jung, mit in der Mitte geteiltem Haar, nahe
bei einander liegenden Augen und von jener gesetzten Loyalitaet des
Wesens, die im spitzbuebisch behenden Sueden so fremd, so merkwuerdig
anmutet. Er fing an: "Kein Grund zur Besorgnis, Sir. Eine Massregel
ohne ernste Bedeutung. Solche Anordnungen werden haeufig getroffen,
um gesundheitsschaedlichen Wirkungen der Hitze und des Scirocco
vorzubeugen..." Aber seine blauen Augen aufschlagend, begegnete er dem
Blicke des Fremden, einem mueden und etwas traurigen Blick, der mit
leichter Verachtung auf seine Lippen gerichtet war. Da erroetete der
Englaender. "Dies ist", fuhr er halblaut und in einiger Bewegung fort,
"die amtliche Erklaerung, auf der zu bestehen man hier fuer gut
befindet. Ich werde Ihnen sagen, dass noch etwas anderes dahinter
steckt." Und dann sagte er in seiner redlichen und bequemen Sprache
die Wahrheit.

Seit mehreren Jahren schon hatte die indische Cholera eine verstaerkte
Neigung zur Ausbreitung und Wanderung an den Tag gelegt. Erzeugt aus
den warmen Moraesten des Ganges-Deltas, aufgestiegen mit dem
mephitischen Odem jener ueppig-untauglichen, von Menschen gemiedenen
Urwelt-und Inselwildnis, in deren Bambusdickichten der Tiger kauert,
hatte die Seuche in ganz Hindustan andauernd und ungewoehnlich heftig
gewuetet, hatte oestlich nach China, westlich nach Afghanistan und
Persien uebergegriffen und, den Hauptstrassen des Karawanenverkehrs
folgend, ihre Schrecken bis Astrachan, ja selbst bis Moskau getragen.
Aber waehrend Europa zitterte, das Gespenst moechte von dort aus und zu
Lande seinen Einzug halten, war es, von syrischen Kauffahrern uebers
Meer verschleppt, fast gleichzeitig in mehreren Mittelmeerhaefen
aufgetaucht, hatte in Toulon und Malaga sein Haupt erhoben, in Palermo
und Neapel mehrfach seine Maske gezeigt und schien aus ganz Calabrien
und Apulien nicht mehr weichen zu wollen. Der Norden der Halbinsel war
verschont geblieben. Jedoch Mitte Mai dieses Jahres fand man zu
Venedig an ein und demselben Tage die furchtbaren Vibrionen in den
ausgemergelten, schwaerzlichen Leichnamen eines Schifferknechtes und
einer Gruenwarenhaendlerin. Die Faelle wurden verheimlicht. Aber nach
einer Woche waren es deren zehn, waren es zwanzig, dreissig und zwar in
verschiedenen Quartieren. Ein Mann aus der oesterreichischen Provinz,
der sich zu seinem Vergnuegen einige Tage in Venedig aufgehalten,
starb, in sein Heimatstaedtchen zurueckgekehrt, unter unzweideutigen
Anzeichen, und so kam es, dass die ersten Geruechte von der Heimsuchung
der Lagunenstadt in deutsche Tagesblaetter gelangten. Venedigs
Obrigkeit liess antworten, dass die Gesundheitsverhaeltnisse der Stadt
nie besser gewesen seien und traf die notwendigsten Massregeln zur
Bekaempfung. Aber wahrscheinlich waren Nahrungsmittel infiziert worden.
Gemuese, Fleisch oder Milch, denn geleugnet und vertuscht, frass das
Sterben in der Enge der Gaesschen um sich, und die vorzeitig
eingefallene Sommerhitze, welche das Wasser der Kanaele laulich
erwaermte, war der Verbreitung besonders guenstig. Ja, es schien, als ob
die Seuche eine Neubelebung ihrer Kraefte erfahren, als ob die
Tenazitaet und Fruchtbarkeit ihrer Erreger sich verdoppelt haette. Faelle
der Genesung waren sehr selten; achtzig vom Hundert der Befallenen
starben und zwar auf entsetzliche Weise, denn das Uebel trat mit
aeusserster Wildheit auf und zeigte haeufig jene gefaehrlichste Form,
welche "die trockene" benannt ist. Hierbei vermochte der Koerper das
aus den Blutgefaessen massenhaft abgesonderte Wasser nicht einmal
auszutreiben. Binnen wenigen Stunden verdorrte der Kranke und
erstickte am pechartig zaehe gewordenen Blut unter Kraempfen und
heiseren Klagen. Wohl ihm, wenn, was zuweilen geschah, der Ausbruch
nach leichtem Uebelbefinden in Gestalt einer tiefen Ohnmacht erfolgte,
aus der er nicht mehr oder kaum noch erwachte. Anfang Juni fuellten
sich in der Stille die Isolierbaracken des Ospedale civico, in den
beiden Waisenhaeusern begann es an Platz zu mangeln, und ein
schauerlich reger Verkehr herrschte zwischen dem Kai der neuen
Fundamente und San Michele, der Friedhofsinsel. Aber die Furcht vor
allgemeiner Schaedigung, die Ruecksicht auf die kuerzlich eroeffnete
Gemaeldeausstellung in den oeffentlichen Gaerten, auf die gewaltigen
Ausfaelle, von denen im Falle der Panik und des Verrufes die Hotels,
die Geschaefte, das ganze vielfaeltige Fremdengewerbe bedroht waren,
zeigte sich maechtiger in der Stadt als Wahrheitsliebe und Achtung vor
internationalen Abmachungen; sie vermochte die Behoerde, ihre Politik
des Verschweigens und des Ableugnens hartnaeckig aufrecht zu erhalten.
Der oberste Medizinalbeamte Venedigs, ein verdienter Mann, war
entruestet von seinem Posten zurueckgetreten und unter der Hand durch
eine gefuegigere Persoenlichkeit ersetzt worden. Das Volk wusste das; und
die Korruption der Oberen zusammen mit der herrschenden Unsicherheit,
dem Ausnahmezustand, in welchen der umgehende Tod die Stadt versetzte,
brachte eine gewisse Entsittlichung der unteren Schichten hervor, eine
Ermutigung lichtscheuer und antisozialer Triebe, die sich in
Unmaessigkeit, Schamlosigkeit und wachsender Kriminalitaet bekundete.
Gegen die Regel bemerkte man abends viele Betrunkene; boesartiges
Gesindel machte, so hiess es, nachts die Strassen unsicher; raeuberische
Anfaelle und selbst Mordtaten wiederholten sich, denn schon zweimal
hatte sich erwiesen, dass angeblich der Seuche zum Opfer gefallene
Personen vielmehr von ihren eigenen Anverwandten mit Gift aus dem
Leben geraeumt worden waren; und die gewerbsmaessige Liederlichkeit nahm
aufdringliche und ausschweifende Formen an, wie sie sonst hier nicht
bekannt und nur im Sueden des Landes und im Orient zu Hause gewesen
waren.

Von diesen Dingen sprach der Englaender das Entscheidende aus. "Sie
taeten gut", schloss er, "lieber heute als morgen zu reisen. Laenger, als
ein paar Tage noch, kann die Verhaengung der Sperre kaum auf sich
warten lassen."--"Danke Ihnen", sagte Aschenbach und verliess das Amt.

Der Platz lag in sonnenloser Schwuele. Unwissende Fremde sassen vor den
Cafes oder standen, ganz von Tauben bedeckt, vor der Kirche und sahen
zu, wie die Tiere, wimmelnd, fluegelschlagend, einander verdraengend,
nach den in hohlen Haenden dargebotenen Maiskoernern pickten. In
fiebriger Erregung, triumphierend im Besitze der Wahrheit, einen
Geschmack von Ekel dabei auf der Zunge und ein phantastisches Grauen
im Herzen, schritt der Einsame die Fliesen des Prachthofes auf und
nieder. Er erwog eine reinigende und anstaendige Handlung. Er konnte
heute Abend nach dem Diner der perlengeschmueckten Frau sich naehern und
zu ihr sprechen, was er woertlich entwarf: "Gestatten Sie dem Fremden,
Madame, Ihnen mit einem Rat, einer Warnung zu dienen, die der
Eigennutz Ihnen vorenthaelt. Reisen Sie ab, sogleich, mit Tadzio und
Ihren Toechtern! Venedig ist verseucht." Er konnte dann dem Werkzeug
einer hoehnischen Gottheit zum Abschied die Hand aufs Haupt legen, sich
wegwenden und diesem Sumpfe entfliehen. Aber er fuehlte zugleich, dass
er unendlich weit entfernt war, einen solchen Schritt im Ernste zu
wollen. Er wuerde ihn zurueckfuehren, wuerde ihn sich selber wiedergeben;
aber wer ausser sich ist, verabscheut nichts mehr, als wieder in sich
zu gehen. Er erinnerte sich eines weissen Bauwerks, geschmueckt mit
abendlich gleissenden Inschriften, in deren durchscheinender Mystik das
Auge seines Geistes sich verloren hatte; jener seltsamen
Wandrergestalt sodann, die dem Alternden schweifende
Juenglingssehnsucht ins Weite und Fremde erweckt hatte; und der Gedanke
an Heimkehr, an Besonnenheit, Nuechternheit, Muehsal und Meisterschaft,
widerte ihn in solchem Masse, dass sein Gesicht sich zum Ausdruck
physischer Uebelkeit verzerrte. "Man soll schweigen!" fluesterte er
heftig. Und: "Ich werde schweigen!" Das Bewusstsein seiner
Mitwisserschaft, seiner Mitschuld berauschte ihn, wie geringe Mengen
Weines ein muedes Hirn berauschen. Das Bild der heimgesuchten und
verwahrlosten Stadt, wuest seinem Geiste vorschwebend, entzuendete in
ihm Hoffnungen, unsagbar, die Vernunft ueberschreitend, und von
ungeheuerlicher Suessigkeit. Was war ihm das zarte Glueck, von dem er
vorhin einen Augenblick getraeumt, verglichen mit diesen Erwartungen?
Was galt ihm noch Kunst und Tugend gegenueber den Vorteilen des Chaos?
Er schwieg und blieb.

In dieser Nacht hatte er einen furchtbaren Traum,--wenn man als Traum
ein koerperhaft-geistiges Erlebnis bezeichnen kann, das ihm zwar im
tiefsten Schlaf und in voelligster Unabhaengigkeit und sinnlicher
Gegenwart widerfuhr, aber ohne dass er sich ausser den Geschehnissen im
Raume wandelnd und anwesend sah; sondern ihr Schauplatz war vielmehr
seine Seele selbst, und sie brachen von aussen herein, seinen
Widerstand--einen tiefen und geistigen Widerstand--gewalttaetig
niederwerfend, gingen hindurch und liessen seine Existenz, liessen die
Kultur seines Lebens verheert, vernichtet zurueck.

Angst war der Anfang, Angst und Lust und eine entsetzte Neugier nach
dem, was kommen wollte. Nacht herrschte, und seine Sinne lauschten;
denn weither naeherte sich Getuemmel, Getoese, ein Gemisch von Laerm:
Rasseln, Schmettern und dumpfes Donnern, schrilles Jauchzen dazu und
ein bestimmtes Geheul im gezogenen u-Laut, alles durchsetzt und
grauenhaft suess uebertoent von tief girrendem, ruchlos beharrlichen
Floetenspiel, welches auf schamlos zudringende Art die Eingeweide
bezauberte. Aber er wusste ein Wort, dunkel, doch das benennend was
kam: "_Der fremde Gott!_" Qualmige Glut glomm auf: da erkannte er
Bergland, aehnlich dem um sein Sommerhaus. Und in zerrissenem Licht,
von bewaldeter Hoehe, zwischen Staemmen und moosigen Felstruemmern waelzte
es sich und stuerzte wirbelnd herab: Menschen, Tiere, ein Schwarm, eine
tobende Rotte, und ueberschwemmte die Halde mit Leibern, Flammen,
Tumult und taumelndem Rundtanz. Weiber, strauchelnd ueber zu
lange Fellgewaender, die ihnen vom Guertel hingen, schuettelten
Schellentrommeln ueber ihren stoehnend zurueckgeworfenen Haeuptern,
schwangen stiebende Fackelbraende und nackte Dolche, hielten zuengelnde
Schlangen in der Mitte des Leibes erfasst oder trugen schreiend ihre
Brueste in beiden Haenden. Maenner, Hoerner ueber den Stirnen, mit Pelzwerk
geschuerzt und zottig von Haut, beugten die Nacken und hoben Arme und
Schenkel, liessen eherne Becken erdroehnen und schlugen wuetend auf
Pauken, waehrend glatte Knaben mit umlaubten Staeben Boecke stachelten,
an deren Hoerner sie sich klammerten und von deren Spruengen sie sich
jauchzend schleifen liessen. Und die Begeisterten heulten den Ruf aus
weichen Mitlauten und gezogenem u-Ruf am Ende, suess und wild zugleich,
wie kein jemals erhoerter: hier klang er auf, in die Luefte geroehrt, wie
von Hirschen, und dort gab man ihn wieder, vielstimmig, in wuestem
Triumph, hetzte einander damit zum Tanz und Schleudern der Glieder und
liess ihn niemals verstummen. Aber alles durchdrang und beherrschte der
tiefe, lockende Floetenton. Lockte er nicht auch ihn, den widerstrebend
Erlebenden, schamlos beharrlich zum Fest und Unmass des aeussersten
Opfers? Gross war sein Abscheu, gross seine Furcht, redlich sein Wille,
bis zuletzt das Seine zu schuetzen gegen den Fremden, den Feind des
gefassten und wuerdigen Geistes. Aber der Laerm, das Geheul, vervielfacht
von hallender Bergwand, wuchs, nahm Ueberhand, schwoll zu hinreissendem
Wahnsinn. Duenste bedraengten den Sinn, der beizende Ruch der Boecke,
Witterung keuchender Leiber und ein Hauch wie von faulenden Wassern,
dazu ein anderer noch, vertraut: nach Wunden und umlaufender
Krankheit. Mit den Paukenschlaegen droehnte sein Herz, sein Gehirn
kreiste, Wut ergriff ihn, Verblendung, betaeubende Wollust, und seine
Seele begehrte, sich anzuschliessen dem Reigen des Gottes. Das obszoene
Symbol, riesig, aus Holz, ward enthuellt und erhoeht: da heulten sie
zuegelloser die Losung. Schaum vor den Lippen tobten sie, reizten
einander mit geilen Gebaerden und buhlenden Haenden, lachend und
aechzend,--stiessen die Stachelstaebe einander ins Fleisch und leckten
das Blut von den Gliedern. Aber mit ihnen, in ihnen war der Traeumende
nun und dem fremden Gotte gehoerig. Ja, sie waren er selbst, als sie
reissend und mordend sich auf die Tiere hinwarfen und dampfende Fetzen
verschlangen, als auf zerwuehltem Moosgrund grenzenlose Vermischung
begann, dem Gotte zum Opfer. Und seine Seele kostete Unzucht und
Raserei des Unterganges.

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