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Gladius Dei; Schwere Stunde by Thomas Mann



T >> Thomas Mann >> Gladius Dei; Schwere Stunde

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Thomas Mann


GLADIUS DEI

- und -

SCHWERE STUNDE





Die Texte folgen den Ausgaben:

'Gladius Dei' aus "Tristan. Sechs Novellen." Berlin, S. Fischer Verlag
1903

'Schwere Stunde' aus "Das Wunderkind. Novellen." Berlin, S. Fischer
Verlag [1914] (= Fischers Bibliothek zeitgenoessischer Romane, Jg. 6,
Bd. 6)



* * * * *



GLADIUS DEI


1

Muenchen leuchtete. Ueber den festlichen Plaetzen und weissen
Saeulentempeln, den antikisierenden Monumenten und Barockkirchen, den
springenden Brunnen, Palaesten und Gartenanlagen der Residenz spannte
sich strahlend ein Himmel von blauer Seide, und ihre breiten und
lichten, umgruenten und wohlberechneten Perspektiven lagen in dem
Sonnendunst eines ersten, schoenen Junitages.

Vogelgeschwaetz und heimlicher Jubel ueber allen Gassen. ...Und auf
Plaetzen und Zeilen rollt, wallt und summt das unueberstuerzte und
amuesante Treiben der schoenen und gemaechlichen Stadt. Reisende aller
Nationen kutschieren in den kleinen, langsamen Droschken umher, indem
sie rechts und links in wahlloser Neugier an den Waenden der Haeuser
hinaufschauen, und steigen die Freitreppen der Museen hinan...

Viele Fenster stehen geoeffnet, und aus vielen klingt Musik auf
die Strassen hinaus, Uebungen auf dem Klavier, der Geige oder dem
Violoncell, redliche und wohlgemeinte dilettantische Bemuehungen. Im
'Odeon' aber wird, wie man vernimmt, an mehreren Fluegeln ernstlich
studiert.

Junge Leute, die das Nothung-Motiv pfeifen und abends die Hintergruende
des modernen Schauspielhauses fuellen, wandern, literarische
Zeitschriften in den Seitentaschen ihrer Jacketts, in der Universitaet
und der Staatsbibliothek aus und ein. Vor der Akademie der bildenden
Kuenste, die ihre weissen Arme zwischen der Tuerkenstrasse und dem
Siegestor ausbreitet, haelt eine Hofkarosse. Und auf der Hoehe der Rampe
stehen, sitzen und lagern in farbigen Gruppen die Modelle, pittoreske
Greise, Kinder und Frauen in der Tracht der Albaner Berge.

Laessigkeit und hastloses Schlendern in all den langen Strassenzuegen des
Nordens... Man ist von Erwerbsgier nicht gerade gehetzt und verzehrt
dortselbst, sondern lebt angenehmen Zwecken. Junge Kuenstler, runde
Huetchen auf den Hinterkoepfen, mit lockeren Krawatten und ohne Stock,
unbesorgte Gesellen, die ihren Mietzins mit Farbenskizzen bezahlen,
gehen spazieren, um diesen hellblauen Vormittag auf ihre Stimmung
wirken zu lassen, und sehen den kleinen Maedchen nach, diesem huebschen,
untersetzten Typus mit den bruenetten Haarbandeaux, den etwas zu
grossen Fuessen und den unbedenklichen Sitten. ...Jedes fuenfte Haus
laesst Atelierfensterscheiben in der Sonne blinken. Manchmal tritt
ein Kunstbau aus der Reihe der buergerlichen hervor, das Werk eines
phantasievollen jungen Architekten, breit und flachbogig, mit bizarrer
Ornamentik, voll Witz und Stil. Und ploetzlich ist irgendwo die Tuer
an einer allzu langweiligen Fassade von einer kecken Improvisation
umrahmt, von fliessenden Linien und sonnigen Farben, Bacchanten, Nixen,
rosigen Nacktheiten...

Es ist stets aufs neue ergoetzlich, vor den Auslagen der
Kunstschreinereien und der Basare fuer moderne Luxusartikel zu
verweilen. Wieviel phantasievoller Komfort, wieviel linearer Humor in
der Gestalt aller Dinge! Ueberall sind die kleinen Skulptur-, Rahmen-
und Antiquitaetenhandlungen verstreut, aus deren Schaufenstern dir
die Buesten der florentinischen Quattrocento-Frauen voll einer edlen
Pikanterie entgegenschauen. Und der Besitzer des kleinsten und
billigsten dieser Laeden spricht dir von Donatello und Mino da
Fiesole, als habe er das Vervielfaeltigungsrecht von ihnen persoenlich
empfangen...

Aber dort oben am Odeonsplatz, angesichts der gewaltigen Loggia, vor
der sich die geraeumige Mosaikflaeche ausbreitet, und schraeg gegenueber
dem Palast des Regenten draengen sich die Leute um die breiten
Fenster und Schaukaesten des grossen Kunstmagazins, des weitlaeufigen
Schoenheitsgeschaeftes von M. Bluethenzweig. Welche freudige Pracht der
Auslage! Reproduktionen von Meisterwerken aus allen Galerien der Erde,
eingefasst in kostbare, raffiniert getoente und ornamentierte Rahmen
in einem Geschmack von prezioeser Einfachheit; Abbildungen moderner
Gemaelde, sinnenfroher Phantasieen, in denen die Antike auf eine
humorvolle und realistische Weise wiedergeboren zu sein scheint; die
Plastik der Renaissance in vollendeten Abguessen; nackte Bronzeleiber
und zerbrechliche Zierglaeser; irdene Vasen von steilem Stil, die
aus Baedern von Metalldaempfen in einem schillernden Farbenmantel
hervorgegangen sind; Prachtbaende, Triumphe der neuen
Ausstattungskunst, Werke modischer Lyriker, gehuellt in einen
dekorativen und vornehmen Prunk; dazwischen die Portraets von
Kuenstlern, Musikern, Philosophen, Schauspielern, Dichtern, der
Volksneugier nach Persoenlichem ausgehaengt... In dem ersten Fenster,
der anstossenden Buchhandlung zunaechst, steht auf einer Staffelei
ein grosses Bild, vor dem die Menge sich staut: eine wertvolle, in
rotbraunem Tone ausgefuehrte Photographie in breitem, altgoldenem
Rahmen, ein aufsehenerregendes Stueck, eine Nachbildung des Clous der
grossen internationalen Ausstellung des Jahres, zu deren Besuch an
den Litfasssaeulen, zwischen Konzertprospekten und kuenstlerisch
ausgestatteten Empfehlungen von Toilettenmitteln, archaisierende und
wirksame Plakate einladen.

Blick um dich, sich in die Fenster der Buchlaeden. Deinen Augen
begegnen Titel wie 'Die Wohnungskunst seit der Renaissance',
'Die Erziehung des Farbensinnes', 'Die Renaissance im modernen
Kunstgewerbe', 'Das Buch als Kunstwerk', 'Die dekorative Kunst',
'Der Hunger nach Kunst'--und du musst wissen, dass diese Weckschriften
tausendfach gekauft und gelesen werden, und dass abends ueber
ebendieselben Gegenstaende vor vollen Saelen geredet wird...

Hast du Glueck, so begegnet dir eine der beruehmten Frauen in Person,
die man durch das Medium der Kunst zu schauen gewohnt ist, eine jener
reichen und schoenen Damen von kuenstlich hergestelltem tizianischen
Blond und im Brillantenschmuck, deren betoerenden Zuegen durch die Hand
eines genialen Portraetisten die Ewigkeit zuteil geworden ist, und von
deren Liebesleben die Stadt spricht--Koeniginnen der Kuenstlerfeste im
Karneval, ein wenig geschminkt, ein wenig gemalt, voll einer edlen
Pikanterie, gefallsuechtig und anbetungswuerdig. Und sieh, dort faehrt
ein grosser Maler mit seiner Geliebten in einem Wagen die Ludwigstrasse
hinauf. Man zeigt sich das Gefaehrt, man bleibt stehen und blickt den
beiden nach. Viele Leute gruessen. Und es fehlt nicht viel, dass die
Schutzleute Front machen.

Die Kunst blueht, die Kunst ist an der Herrschaft, die Kunst streckt
ihr rosenumwundenes Zepter ueber die Stadt hin und laechelt. Eine
allseitige respektvolle Anteilnahme an ihrem Gedeihen, eine
allseitige, fleissige und hingebungsvolle Uebung und Propaganda in ihrem
Dienste, ein treuherziger Kultus der Linie, des Schmuckes, der Form,
der Sinne, der Schoenheit obwaltet... Muenchen leuchtete.



2

Es schritt ein Juengling die Schellingstrasse hinan; er schritt,
umklingelt von den Radfahrern, in der Mitte des Holzpflasters der
breiten Fassade der Ludwigskirche entgegen. Sah man ihn an, so war
es, als ob ein Schatten ueber die Sonne ginge oder ueber das Gemuet eine
Erinnerung an schwere Stunden. Liebte er die Sonne nicht, die die
schoene Stadt in Festglanz tauchte? Warum hielt er in sich gekehrt und
abgewandt die Augen zu Boden gerichtet, indes er wandelte?

Er trug keinen Hut, woran bei der Kostuemfreiheit der leichtgemuten
Stadt keine Seele Anstoss nahm, sondern hatte statt dessen die Kapuze
seines weiten, schwarzen Mantels ueber den Kopf gezogen, die seine
niedrige, eckig vorspringende Stirn beschattete, seine Ohren bedeckte
und seine hageren Wangen umrahmte. Welcher Gewissensgram, welche
Skrupeln und welche Misshandlungen seiner selbst hatten diese Wangen so
auszuhoehlen vermocht? Ist es nicht schauerlich, an solchem Sonnentage
den Kummer in den Wangenhoehlen eines Menschen wohnen zu sehen? Seine
dunklen Brauen verdickten sich stark an der schmalen Wurzel seiner
Nase, die gross und gehoeckert aus dem Gesichte hervorsprang, und
seine Lippen waren stark und wulstig. Wenn er seine ziemlich nahe
beieinanderliegenden braunen Augen erhob, bildeten sich Querfalten
auf seiner kantigen Stirn. Er blickte mit einem Ausdruck von Wissen,
Begrenztheit und Leiden. Im Profil gesehen, glich dieses Gesicht genau
einem alten Bildnis von Moencheshand, aufbewahrt zu Florenz in einer
engen und harten Klosterzelle, aus welcher einstmals ein furchtbarer
und niederschmetternder Protest gegen das Leben und seinen Triumph
erging...

Hieronymus schritt die Schellingstrasse hinan, schritt langsam und
fest, indes er seinen weiten Mantel von innen mit beiden Haenden
zusammenhielt. Zwei kleine Maedchen, zwei dieser huebschen, untersetzten
Wesen mit den Haarbandeaux, den zu grossen Fuessen und den unbedenklichen
Sitten, die Arm in Arm und abenteuerlustig an ihm vorueberschlenderten,
stiessen sich an und lachten, legten sich vornueber und gerieten ins
Laufen vor Lachen ueber seine Kapuze und sein Gesicht. Aber er achtete
dessen nicht. Gesenkten Hauptes und ohne nach rechts oder links zu
blicken, ueberschritt er die Ludwigstrasse und stieg die Stufen der
Kirche hinan.

Die grossen Fluegel der Mitteltuer standen weit geoeffnet. In der
geweihten Daemmerung, kuehl, dumpfig und mit Opferrauch geschwaengert,
war irgendwo fern ein schwaches, roetliches Gluehen bemerkbar. Ein altes
Weib mit blutigen Augen erhob sich von einer Betbank und schleppte
sich an Kruecken zwischen den Saeulen hindurch. Sonst war die Kirche
leer.

Hieronymus benetzte sich Stirn und Brust am Becken, beugte das Knie
vor dem Hochaltar und blieb dann im Mittelschiffe stehen. War es
nicht, als sei seine Gestalt gewachsen, hier drinnen? Aufrecht und
unbeweglich, mit frei erhobenem Haupte stand er da, seine grosse,
gehoeckerte Nase schien mit einem herrischen Ausdruck ueber den starken
Lippen hervorzuspringen, und seine Augen waren nicht mehr zu Boden
gerichtet, sondern blickten kuehn und geradeswegs ins Weite, zu dem
Kruzifix auf dem Hochaltar hinueber. So verharrte er reglos eine
Weile; dann beugte er zuruecktretend aufs neue das Knie und verliess die
Kirche.

Er schritt die Ludwigstrasse hinauf, langsam und fest, gesenkten
Hauptes, inmitten des breiten, ungepflasterten Fahrdammes, entgegen
der gewaltigen Loggia mit ihren Statuen. Aber auf dem Odeonsplatze
angelangt, blickte er auf, so dass sich Querfalten auf seiner kantigen
Stirne bildeten, und hemmte seine Schritte: aufmerksam gemacht durch
die Menschenansammlung vor den Auslagen der grossen Kunsthandlung, des
weitlaeufigen Schoenheitsgeschaeftes von M. Bluethenzweig.

Die Leute gingen von Fenster zu Fenster, zeigten sich die
ausgestellten Schaetze und tauschten ihre Meinungen aus, indes einer
ueber des anderen Schulter blickte. Hieronymus mischte sich unter sie
und begann auch seinerseits alle diese Dinge zu betrachten, alles in
Augenschein zu nehmen, Stueck fuer Stueck.

Er sah die Nachbildungen von Meisterwerken aus allen Galerieen
der Erde, die kostbaren Rahmen in ihrer simplen Bizarrerie, die
Renaissanceplastik, die Bronzeleiber und Zierglaeser, die schillernden
Vasen, den Buchschmuck und die Portraets der Kuenstler, Musiker,
Philosophen, Schauspieler, Dichter, sah alles an und wandte an jeden
Gegenstand einen Augenblick. Indem er seinen Mantel von innen mit
beiden Haenden fest zusammenhielt, drehte er seinen von der Kapuze
bedeckten Kopf in kleinen, kurzen Wendungen von einer Sache zur
naechsten, und unter seinen dunklen, an der Nasenwurzel stark sich
verdichtenden Brauen, die er emporzog, blickten seine Augen mit einem
befremdeten, stumpfen und kuehl erstaunten Ausdruck auf jedes Ding eine
Weile. So erreichte er das erste Fenster, dasjenige, unter dem das
aufsehenerregende Bild sich befand, blickte eine Zeitlang den vor ihm
sich draengenden Leuten ueber die Schultern und gelangte endlich nach
vorn, dicht an die Auslage heran.

Die grosse, roetlichbraune Photographie stand, mit aeusserstem Geschmack
in Altgold gerahmt, auf einer Staffelei inmitten des Fensterraumes.
Es war eine Madonna, eine durchaus modern empfundene, von jeder
Konvention freie Arbeit. Die Gestalt der heiligen Gebaererin war von
berueckender Weiblichkeit, entbloesst und schoen. Ihre grossen, schwuelen
Augen waren dunkel umraendert, und ihre delikat und seltsam laechelnden
Lippen standen halb geoeffnet. Ihre schmalen, ein wenig nervoes und
krampfhaft gruppierten Finger umfassten die Huefte des Kindes, eines
nackten Knaben von distinguierter und fast primitiver Schlankheit,
der mit ihrer Brust spielte und dabei seine Augen mit einem klugen
Seitenblick auf den Beschauer gerichtet hielt.

Zwei andere Juenglinge standen neben Hieronymus und unterhielten sich
ueber das Bild, zwei junge Maenner mit Buechern unter dem Arm, die
sie aus der Staatsbibliothek geholt hatten oder dorthin brachten,
humanistisch gebildete Leute, beschlagen in Kunst und Wissenschaft.

"Der Kleine hat es gut, hol' mich der Teufel!" sagte der eine.

"Und augenscheinlich hat er die Absicht, einen neidisch zu machen",
versetzte der andere... "Ein bedenkliches Weib!"

"Ein Weib zum Rasendwerden! Man wird ein wenig irre am Dogma von der
unbefleckten Empfaengnis..."

"Ja, ja, sie macht einen ziemlich beruehrten Eindruck... Hast du das
Original gesehen?"

"Selbstverstaendlich. Ich war ganz angegriffen. Sie wirkt in der Farbe
noch weit aphrodisischer... besonders die Augen."

"Die Aehnlichkeit ist eigentlich doch ausgesprochen."

"Wieso?"

"Kennst du nicht das Modell? Er hat doch seine kleine Putzmacherin
dazu benuetzt. Es ist beinahe Portraet, nur stark ins Gebiet des
Korrupten hinaufstilisiert... Die Kleine ist harmloser."

"Das hoffe ich. Das Leben waere allzu anstrengend, wenn es viele gaebe,
wie diese mater amata..."

"Die Pinakothek hat es angekauft."

"Wahrhaftig? Sieh da! Sie wusste wohl uebrigens, was sie tat. Die
Behandlung des Fleisches und der Linienfluss des Gewandes ist wirklich
eminent."

"Ja, ein unglaublich begabter Kerl."

"Kennst du ihn?"

"Ein wenig. Er wird Karriere machen, das ist sicher. Er war schon
zweimal beim Regenten zur Tafel..."

Das letzte sprachen sie, waehrend sie anfingen, voneinander Abschied zu
nehmen.

"Sieht man dich heute abend im Theater?" fragte der eine. "Der
dramatische Verein gibt Macchiavelli's 'Mandragola' zum besten."

"Oh, bravo. Davon kann man sich Spass versprechen. Ich hatte vor, ins
Kuenstlervariete zu gehen, aber es ist wahrscheinlich, dass ich den
wackeren Nicolo schliesslich vorziehe. Auf Wiedersehen..."

Sie trennten sich, traten zurueck und gingen nach rechts und links
auseinander. Neue Leute rueckten an ihre Stelle und betrachteten das
erfolgreiche Bild. Aber Hieronymus stand unbeweglich an seinem Platze;
er stand mit vorgestrecktem Kopfe, und man sah, wie seine Haende, mit
denen er auf der Brust seinen Mantel von innen zusammenhielt, sich
krampfhaft ballten. Seine Brauen waren nicht mehr mit jenem kuehl und
ein wenig gehaessig erstaunten Ausdruck emporgezogen, sie hatten sich
gesenkt und verfinstert, seine Wangen, von der schwarzen Kapuze halb
bedeckt, schienen tiefer ausgehoehlt als vordem, und seine dicken
Lippen waren ganz bleich. Langsam neigte sein Kopf sich tiefer und
tiefer, so dass er schliesslich seine Augen ganz von unten herauf starr
auf das Kunstwerk gerichtet hielt. Die Fluegel seiner grossen Nase
bebten.

In dieser Haltung verblieb er wohl eine Viertelstunde. Die Leute um
ihn her loesten sich ab, er aber wich nicht vom Platze. Endlich drehte
er sich langsam, langsam auf den Fussballen herum und ging fort.



3

Aber das Bild der Madonna ging mit ihm. Immerdar, mochte er nun in
seinem engen und harten Kaemmerlein weilen oder in den kuehlen Kirchen
knieen, stand es vor seiner empoerten Seele, mit schwuelen, umraenderten
Augen, mit raetselhaft laechelnden Lippen, entbloesst und schoen. Und kein
Gebet vermochte es zu verscheuchen.

In der dritten Nacht aber geschah es, dass ein Befehl und Ruf aus der
Hoehe an Hieronymus erging, einzuschreiten und seine Stimme zu erheben
gegen leichtherzige Ruchlosigkeit und frechen Schoenheitsduenkel.
Vergebens wendete er, Mosen gleich, seine bloede Zunge vor;
Gottes Wille blieb unerschuetterlich und verlangte laut von seiner
Zaghaftigkeit diesen Opfergang unter die lachenden Feinde.

Da machte er sich auf am Vormittage und ging, weil Gott es wollte,
den Weg zur Kunsthandlung, zum grossen Schoenheitsgeschaeft von M.
Bluethenzweig. Er trug die Kapuze ueber dem Kopf und hielt seinen Mantel
von innen mit beiden Haenden zusammen, indes er wandelte.



4

Es war schwuel geworden; der Himmel war fahl, und ein Gewitter drohte.
Wiederum belagerte viel Volks die Fenster der Kunsthandlung, besonders
aber dasjenige, in dem das Madonnenbild sich befand. Hieronymus warf
nur einen kurzen Blick dorthin; dann drueckte er die Klinke der mit
Plakaten und Kunstzeitschriften verhangenen Glastuer. "Gott will es!"
sagte er und trat in den Laden.

Ein junges Maedchen, das irgendwo an einem Pult in einem grossen Buche
geschrieben hatte, ein huebsches, bruenettes Wesen mit Haarbandeaux und
zu grossen Fuessen, trat auf ihn zu und fragte freundlich, was ihm zu
Diensten stehe.

"Ich danke Ihnen", sagte Hieronymus leise und blickte ihr, Querfalten
in seiner kantigen Stirn, ernst in die Augen. "Nicht Sie will ich
sprechen, sondern den Inhaber des Geschaeftes, Herrn Bluethenzweig."

Ein wenig zoegernd zog sie sich von ihm zurueck und nahm ihre
Beschaeftigung wieder auf. Er stand inmitten des Ladens.

Alles, was draussen in einzelnen Beispielen zur Schau gestellt war, es
war hier drinnen zwanzigfach zu Haeuf getuermt und ueppig ausgebreitet:
eine Fuelle von Farbe, Linie und Form, von Stil, Witz, Wohlgeschmack
und Schoenheit. Hieronymus blickte langsam nach beiden Seiten, und dann
zog er die Falten seines schwarzen Mantels fester um sich zusammen.

Es waren mehrere Leute im Laden anwesend. An einem der breiten Tische,
die sich quer durch den Raum zogen, sass ein Herr in gelbem Anzug und
mit schwarzem Ziegenbart und betrachtete eine Mappe mit franzoesischen
Zeichnungen, ueber die er manchmal ein meckerndes Lachen vernehmen
liess. Ein junger Mensch mit einem Aspekt von Schlechtbezahltheit
und Pflanzenkost bediente ihn, indem er neue Mappen zur Ansicht
herbeischleppte. Dem meckernden Herrn schraeg gegenueber pruefte eine
vornehme alte Dame moderne Kunststickereien, grosse Fabelblumen in
blassen Toenen, die auf langen, steifen Stielen senkrecht nebeneinander
standen. Auch um sie bemuehte sich ein Angestellter des Geschaefts.
An einem zweiten Tische sass, die Reisemuetze auf dem Kopfe und die
Holzpfeife im Munde, nachlaessig ein Englaender. Durabel gekleidet,
glatt rasiert, kalt und unbestimmten Alters, waehlte er unter Bronzen,
die Herr Bluethenzweig ihm persoenlich herzutrug. Die ziere Gestalt
eines nackten kleinen Maedchens, welche, unreif und zart gegliedert,
ihre Haendchen in koketter Keuschheit auf der Brust kreuzte, hielt er
am Kopfe erfasst und musterte sie eingehend, indem er sie langsam um
sich selbst drehte.

Herr Bluethenzweig, ein Mann mit kurzem braunen Vollbart und blanken
Augen von ebenderselben Farbe, bewegte sich haendereibend um ihn herum,
indem er das kleine Maedchen mit allen Vokabeln pries, deren er habhaft
werden konnte.

"Hundertfuenfzig Mark, Sir", sagte er auf englisch; "Muenchener Kunst,
Sir. Sehr lieblich in der Tat. Voller Reiz, wissen Sie. Es ist
die Grazie selbst, Sir. Wirklich aeusserst huebsch, niedlich und
bewunderungswuerdig." Hierauf fiel ihm noch etwas ein und er sagte:
"Hoechst anziehend und verlockend." Dann fing er wieder von vorne an.

Seine Nase lag ein wenig platt auf der Oberlippe, so dass er bestaendig
in einem leicht fauchenden Geraeusch in seinen Schnurrbart schnueffelte.
Manchmal naeherte er sich dabei dem Kaeufer in gebueckter Haltung, als
beroeche er ihn. Als Hieronymus eintrat, untersuchte Herr Bluethenzweig
ihn fluechtig in eben dieser Weise, widmete sich aber alsbald wieder
dem Englaender.

Die vornehme Dame hatte ihre Wahl getroffen und verliess den Laden. Ein
neuer Herr trat ein. Herr Bluethenzweig beroch ihn kurz, als wollte er
so den Grad seiner Kauffaehigkeit erkunden, und ueberliess es der jungen
Buchhalterin, ihn zu bedienen. Der Herr erstand nur eine Fayencebueste
Piero's, Sohn des praechtigen Medici, und entfernte sich wieder.
Auch der Englaender begann nun aufzubrechen. Er hatte sich das kleine
Maedchen zu eigen gemacht und ging unter den Verbeugungen Herrn
Bluethenzweigs. Dann wandte sich der Kunsthaendler zu Hieronymus und
stellte sich vor ihn hin.

"Sie wuenschen..." fragte er ohne viel Demut.

Hieronymus hielt seinen Mantel von innen mit beiden Haenden zusammen
und blickte Herrn Bluethenzweig fast ohne mit der Wimper zu zucken ins
Gesicht. Er trennte langsam seine dicken Lippen und sagte:

"Ich komme zu Ihnen wegen des Bildes in jenem Fenster dort, der
grossen Photographie, der Madonna."--Seine Stimme war belegt und
modulationslos.

"Jawohl, ganz recht", sagte Herr Bluethenzweig lebhaft und begann,
sich die Haende zu reiben: "Siebenzig Mark im Rahmen, mein Herr. Es ist
unveraenderlich ... eine erstklassige Reproduktion. Hoechst anziehend
und reizvoll."

Hieronymus schwieg. Er neigte seinen Kopf in der Kapuze und sank ein
wenig in sich zusammen, waehrend der Kunsthaendler sprach; dann richtete
er sich wieder auf und sagte:

"Ich bemerke Ihnen im voraus, dass ich nicht in der Lage, noch
ueberhaupt willens bin, irgend etwas zu kaufen. Es tut mir leid, Ihre
Erwartungen enttaeuschen zu muessen. Ich habe Mitleid mit Ihnen, wenn
Ihnen das Schmerz bereitet. Aber erstens bin ich arm, und zweitens
liebe ich die Dinge nicht, die Sie feilhalten. Nein, kaufen kann ich
nichts."

"Nicht ... also nicht", sagte Herr Bluethenzweig und schnueffelte stark.
"Nun, darf ich fragen..."

"Wie ich Sie zu kennen glaube", fuhr Hieronymus fort, "so verachten
Sie mich darum, dass ich nicht imstande bin, Ihnen etwas abzukaufen..."

"Hm ..." sagte Herr Bluethenzweig. "Nicht doch! Nur ..."

"Dennoch bitte ich Sie, mir Gehoer zu schenken und meinen Worten
Gewicht beizulegen."

"Gewicht beizulegen. Hm. Darf ich fragen ..."

"Sie duerfen fragen", sagte Hieronymus, "und ich werde Ihnen antworten.
Ich bin gekommen, Sie zu bitten, dass Sie jenes Bild, die grosse
Photographie, die Madonna, sogleich aus Ihrem Fenster entfernen und
sie niemals wieder zur Schau stellen."

Herr Bluethenzweig blickte eine Weile stumm in Hieronymus' Gesicht, mit
einem Ausdruck, als forderte er ihn auf, ueber seine abenteuerlichen
Worte in Verlegenheit zu geraten. Da dies aber keineswegs geschah, so
schnueffelte er heftig und brachte hervor:

"Wollen Sie die Guete haben, mir mitzuteilen, ob Sie hier in
irgendeiner amtlichen Eigenschaft stehen, die Sie befugt, mir
Vorschriften zu machen, oder was Sie eigentlich herfuehrt..."

"O nein", antwortete Hieronymus; "ich habe weder Amt noch Wuerde von
Staates wegen. Die Macht ist nicht auf meiner Seite, Herr. Was mich
herfuehrt, ist allein mein Gewissen."

Herr Bluethenzweig bewegte nach Worten suchend den Kopf hin und her,
blies heftig mit der Nase in seinen Schnurrbart und rang mit der
Sprache. Endlich sagte er:

"Ihr Gewissen ... Nun, so wollen Sie gefaelligst ... Notiz davon
nehmen ... dass Ihr Gewissen fuer uns eine ... eine gaenzlich belanglose
Einrichtung ist!"--

Damit drehte er sich um, ging schnell zu seinem Pult im Hintergrunde
des Ladens und begann zu schreiben. Die beiden Ladendiener lachten von
Herzen. Auch das huebsche Fraeulein kicherte ueber ihrem Kontobuche. Was
den gelben Herrn mit dem schwarzen Ziegenbart betraf, so zeigte es
sich, dass er ein Fremder war, denn er verstand augenscheinlich nichts
von dem Gespraech, sondern fuhr fort, sich mit den franzoesischen
Zeichnungen zu beschaeftigen, wobei er von Zeit zu Zeit sein meckerndes
Lachen vernehmen liess.--

"Wollen Sie den Herrn abfertigen", sagte Herr Bluethenzweig ueber die
Schulter hinweg zu seinem Gehilfen. Dann schrieb er weiter. Der junge
Mensch mit dem Aspekt von Schlechtbezahltheit und Pflanzenkost trat
auf Hieronymus zu, indem er sich des Lachens zu enthalten trachtete,
und auch der andere Verkaeufer naeherte sich.

"Koennen wir Ihnen sonst irgendwie dienlich sein?" fragte der
Schlechtbezahlte sanft. Hieronymus hielt unverwandt seinen leidenden,
stumpfen und dennoch durchdringenden Blick auf ihn gerichtet.

"Nein", sagte er, "sonst koennen Sie es nicht. Ich bitte Sie, das
Madonnenbild unverzueglich aus dem Fenster zu entfernen, und zwar fuer
immer."

"Oh ... Warum?"

"Es ist die heilige Mutter Gottes..." sagte Hieronymus gedaempft.

"Allerdings ... Sie hoeren ja aber, dass Herr Bluethenzweig nicht geneigt
ist, Ihren Wunsch zu erfuellen."

"Man muss bedenken, dass es die heilige Mutter Gottes ist", sagte
Hieronymus, und sein Kopf zitterte.

"Das ist richtig.--Und weiter? Darf man keine Madonnen ausstellen?
Darf man keine malen?"

"Nicht so! Nicht so!" sagte Hieronymus beinahe fluesternd, indem er
sich hoch emporrichtete und mehrmals heftig den Kopf schuettelte.
Seine kantige Stirn unter der Kapuze war ganz von langen und tiefen
Querfalten durchfurcht. "Sie wissen sehr wohl, dass es das Laster
selbst ist, das ein Mensch dort gemalt hat ... die entbloesste Wollust!
Von zwei schlichten und unbewussten Leuten, die dieses Madonnenbild
betrachteten, habe ich mit meinen Ohren gehoert, dass es sie an dem
Dogma der unbefleckten Empfaengnis irremache..."

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